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    <title>Anna - (noch) Ungestrichenes : Kommentare</title>
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    <dc:publisher>schmollfisch</dc:publisher>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
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    <title>Anna - (noch) Ungestrichenes</title>
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  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/4859680/">
    <title>Gruppensitzung



Sie zieht den Pulloverärmel über die Hand, ehe sie die Klinke drückt....</title>
    <link>http://annarinnschad.twoday.net/stories/4859680/</link>
    <description>&lt;b&gt;Gruppensitzung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie zieht den Pulloverärmel über die Hand, ehe sie die Klinke drückt. Besser nicht direkt anfassen. Die Klinke sieht sauber und glänzend aus, aber es könnte noch etwas daran haften, Fingerspuren von Schwitzehänden, all das Nicht-gekonnt, das Mich-hat-niemand-gewollt, Übrig-geblieben, saure Mägen, Schweißfüße, Aber-warum-ich. Da kann die Putzfrau noch so oft durchgehen mit Gummihandschuhen und Sagrotan.&lt;br /&gt;
Drei Leute sitzen in der Runde, vier Stühle leer, es ist eine flaue Zeit. Christa ist in Urlaub, der Plowitzer seit Wochen krank (wenn er sich nicht drückt), die kleine Frau Hartwolf ist lange nicht mehr dagewesen, wahrscheinlich Kann-nicht-mehr-konfrontieren (oder Alles-wieder-gut? Aber unwahrscheinlich, das ist es nie). &lt;br /&gt;
Statt dessen sitzt jetzt aber ein Neuer da, ein dünner Mann weit über fünfzig, mit langen grauen Haarfusseln im Nacken, Lederweste, kunstloses Tattoo auf dem linken Handgelenk, halb versteckt unter dem Uhrarmband. Die Hände sind dürr im Schoß gefaltet, Nikotinfingernagel rechts. Neben ihm der Junge mit den dunkelblonden Dreadlocks, der nie was sagt. Valeska, die Siebzigjährige, Gepflegte, Arrivierte, wie immer mit skeptischen Augen und spitzem Mund, als wolle sie gleich »pfüh« sagen. Und die Leiterin: gefällig anfrisierte Wuschelhaare wie ein freundlicher Zwergspitz, rotgeränderte Nerdbrille. »Willkommen-Ulla-nimm-Platz, wir-sind-im-ganz-kleinen-Kreis-heute, wie du siehst«: (nervöses Zwinkern hinter der Brille): »Das ist Bruno, er ist neu bei uns« (Handwinken).&lt;br /&gt;
»Hallo Bruno.«&lt;br /&gt;
»-lo.« Räuspern. »Ja, hallo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sitzt im Stuhlkreis wie im Kindergarten. Ulla hat eine flüchtige Vision von überhängenden Kingsize-Hinterteilen in Kinderstühlchen Größe 104. Wir-sind-alle-Riesenärsche. Muss deplaziert grinsen. Bruno stellt sich vor. Wie alle Teilnehmer ist er anfangs geizig mit Worten. Bruno, Mitte fünfzig, »gesundheitliche Probleme«. Er redet leise und unsicher in den Hemdkragen. Reibt die Handflächen an der Hose. &lt;br /&gt;
»Valeska, vielleicht machst du den Anfang. Damit es für Bruno etwas leichter wird.«&lt;br /&gt;
»Pfüh, ja, ich habe es ja schon mehrmals erzählt …«, strenger Blick in die Runde, »ich bin Valeska, ich bin Witwe, seit fünf Jahren schon, nein Moment, seit fünfeinhalb Jahren. Das ist normal in meinem Alter, sagen alle. Aber es wird nicht leichter, nein, es wird nicht leichter.« Wenn sie längere Zeit redet, macht ihre Stimme sich frei und orgelt wie die einer Primadonna, sie hätte eine großartige Sängerin abgeben können, denkt Ulla, eine tolle Donna Elvira wäre sie geworden mit ihrem Ach und Weh, find ich den Ungetreuen, rührt ihn nicht mehr mein Schmerz, dann soll er’s schwer bereuen, mein Zorn zermalmt sein Herz. &lt;br /&gt;
Aber sie findet ihn nie, den Ungetreuen. »Ich sollte lernen, den Verlust zu tragen, aber ich kann ihm einfach nicht verzeihen. Ich glaube, er weiß es. Ich bin ein bisschen gehbehindert, wissen Sie ähm weißt du, und wenn ich aus einem tiefen Sessel aufstehen muss oder aus dem Auto aussteigen, dann fühle ich jetzt noch seine Hand an meinem Ellbogen. So tröstend, so bittend. Ich glaube, er möchte, dass ich ihn gehen lasse, aber es ist nicht leicht, nein, es ist nicht leicht.« Seit fünf Jahren ist es immerfort nicht leicht. Es wird sogar von Jahr zu Jahr noch mehr nicht leicht. Nichter leicht. &lt;br /&gt;
Ulla schaut auf ihre Hände, die sie ineinander verschlungen und zu einer Muschel geformt hat. Darin liegt ihr Häschen. Es ist fünf Zentimeter hoch und aus weißer, leicht angegrauter Wolle gestrickt. Ihr Schwitzhäschen. Sie bringt es jedes Mal mit. Der ganze Vierteljahrselbstfahrungstrauer-gruppenschweiß klebt in seinem Wollfell.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie muss einen Moment in Gedanken gewesen sein und die Aufforderung an Joachim verpasst haben. Er rutscht tief in den Stuhl und bewegt stumm den Kopf links-rechts-links in gemessener Verneinung. Will-nicht-reden. Er ist ein harter Brocken, ebenso lange dabei wie sie und noch immer im Anfangsstadium des Wortgeizes. Nicht viel älter als sie, nicht groß, trägt Tarnmusterhosen, halb spannenlange Dreadlocks, die stachlig abstehen; hat eine sozusagen sparsame Figur, ohne Fett und wenig Muskeln (seine Schultern sehen immerhin aus, als ob er hin und wieder ein Trainingsbällchen zusammendrückt), spricht in Dreiwortsätzen; sie weiß nicht mal, wie seine Stimme klingt, obwohl er sich irgendwann vorgestellt haben muss, denn das müssen alle – wer das verweigert, wird sofort weggeschickt. Gleicht die Leiterin einem netten Spitz mit Familienanschluss, ist er ein nervöser Airedale, der im Tierheim abgegeben wurde. Traumatisiert schaut er durch die Maschendrähte. &lt;br /&gt;
»Ulla? Darf ich stören?«&lt;br /&gt;
»Ja,« Räuspern. »Haha. Also, ich bin Ulla. Ich bin sechsundzwanzig. Ich bin hier, weil ein guter Freund von mir verschwunden ist.« (Bei jeder Wortmeldung die ersten Sätze mit ‚Ich’ beginnen; es sei denn es sind Fragen. Achtung: Keine Aussagen als Fragen formulieren. Keine rhetorischen Tricks.) »Er ist eines Morgens verschwunden und nie zurückgekommen. Ich habe ihn nicht mal weggehen gesehen. Ich habe bei ihm in seinem Haus gewohnt, so eine Art Dauerbesuch. Also bin ich noch zehn Wochen oder so geblieben, dann habe ich das Haus abgesperrt. Meines Wissens ist er nie wieder aufgetaucht. Das ist jetzt, ähm, über ein Jahr her.« Das Wollhäschen hockt entspannt in ihrem muschelförmigen Händen: Sie regt sich nicht mehr auf, die Aufregung hat sich in all den Tagen, Wochen, Monaten verschliffen zu einem Gefühl stumpfsinnigen Unbehagens. Futter für Alpträume. Manchmal vergisst sie, warum sie sich so fühlt, und muss sich alles mit einer bewussten Anstrengung wieder ins Gedächtnis zurückrufen.&lt;br /&gt;
Der Neue lehnt sich nach vorne, plötzlich interessiert. »Ein guter Freund, sagen Sie, äh, sagst du?« Er reibt immer noch die Hände. Braucht vielleicht auch ein Schwitzhäschen. »Ich versteh das mit dem Haus nicht. War denn da sonst niemand?«&lt;br /&gt;
Ulla: »Das war so ein Cottage. Auf dem Land.« &lt;br /&gt;
»Kann es sein, dass er Opfer eines Verbrechens wurde?«&lt;br /&gt;
Der will mir was anhängen. Ein rhetorischer Fallensteller. »Ich habe keine Hinweise darauf gefunden«, antwortet Ulla streng nach Vorschrift. &lt;br /&gt;
»Aber wenn du dort weggegangen bist …«&lt;br /&gt;
»Ja?«&lt;br /&gt;
»Dann hast du die Hoffnung aufgegeben?«&lt;br /&gt;
Das Häschen hüpft in ihrer Hand. Sie drückt die Handflächen zusammen. »Ja. Ich habe mich damit abgefunden. Ich dachte, er ist tot«, sagt sie und senkt den Blick auf ihre Hände. Habe mich abgefunden. Dachte, er ist tot. Die Wahrheit wäre allzu verwirrend. Sie spielt manchmal Escape-Spiele am Computer. Wenn ihr langweilig ist. Am liebsten solche, die aus einer Serie Fotos von richtigen Häusern bestehen. Die Herausforderung besteht darin, Gegenstände zu finden, die in den Fotos versteckt sind: Schraubenzieher, Brecheisen, Rohrzangen. Mit den gefundenen Werkzeugen öffnet man eine Tür nach der anderen in immer neue virtuelle Räume, bis der Ausgang gefunden ist. Bei komplizierten Häusern kann das schon mal ein, zwei Stunden dauern.&lt;br /&gt;
In einem dieser Häuser (auf bizarre Weise verfallen, mit abblätternden Tapeten, herunterhängenden Wasserrohren, Putzbrocken auf dem Fußboden) hat sie eines Tages an der virtuellen Wand ein virtuelles Gemälde gesehen, das sie an ihren verschwundenen Freund erinnert hat. Er war Landschaftsmaler. Sie kannte seine Bilder, alle. Sie hätte im Schlaf jedes seiner Bilder erkannt. Da hing ein Bild an der virtuellen Wand, das von seiner Hand stammte. Sie hat das ganze Haus durchstreift, unzählige Male. Hat Screenshots von den Bildern gemacht, Detailvergrößerungen, und ausgedruckt, um sie immer wieder ansehen zu können.  Auch die Betreiber der Spieleseite hat sie angeschrieben. Gefragt, wo die Hintergründe für das Escape-Spiel fotografiert wurden. Keine Antwort. Sie kann sich denken, dass die Schöpfer solcher Spiele ihre Hintergründe mit Photoshop zusammenstoppeln. Oder mit KI. Das virtuelle Haus hat wohl kein Gegenstück in der realen Welt. Aber das Bild, das Landschaftsbild, existiert. &lt;br /&gt;
Darüber zu denken, gar zu sprechen, zieht Gedankenknäuel nach sich, die nie zu entwirren wären. Zum Beispiel: Warum verplempert sie Stunden mit Durchsuchen nichtexistierender Häuser? Wie kommt sie überhaupt dazu, Bildern in Computerspielen Aufmerksamkeit zu widmen? Worauf baut sich diese komplizierte Verkettung, erst in virtuellen Häusern zu spielen und dann darin Bilder zu finden, die sie ganz persönlich anzugehen scheinen?&lt;br /&gt;
Ihre Gedanken wandern weiter, ziehen ungewollte Schlussfolgerungen, aber darüber spricht sie nicht. (Spielst du oft? In diesen virtuellen Räumen? Warum? Kann es sein, dass du süchtig danach bist? Es gibt sogar ein Wort dafür. Eskapismus.)&lt;br /&gt;
Ich habe mich abgefunden. Ich dachte, er ist tot.&lt;br /&gt;
Niemand fragt, was sie jetzt denkt. Für diese Wirrnis gäbe es auch keine Worte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bruno erzählt von Meiner-Frau. Eine späte Liebe. Spät, aber intensiv. Sie haben erst vor acht Jahren geheiratet. Meine-Frau hatte eine Tochter aus früherer Ehe. Er keine Kinder und keine frühere Ehe. &lt;br /&gt;
Er redet gleichmäßig und wenig artikuliert wie eine Nähmaschine, ratter-hmn-ratter-hmn-hmn und immer so weiter. Valeska, die ihm im Alter am nächsten ist, lauscht gespannt in stummer Solidarität der Grauköpfe, leicht vorgelehnt, die elegant beschuhten Füße unelegant hinter die Stuhlbeine geklemmt. Joachim hört zu, aber distanziert mit verschränkten Armen. Ulla empfindet leise Feindseligkeit. Sie schaut demonstrativ aus dem Fenster, knetet ihr Häschen, weiß-nicht-warum, spürt den Blick der Leiterin auf sich (warumhörstdunichtzuUlla? WashastdugegenBrunoUlla? WassagtdasüberdichselbstausUlla?) und schafft es mit einer bewussten Anstrengung, sich in die Geschichte einzuklinken, die mit einer Schiffsreise beginnt. Ohne Bruno. Nur Seine-Frau (Bri-ta, sagt Bruno und zerdehnt in freundlichem Gedenken die beiden Silben) und die Tochter aus der früheren Ehe (deren Name nicht fällt). Bruno hat ihnen Tickets dafür gekauft. Nur für sie beide. Nein, für sich selbst nicht. Zu teuer. (WasssagtdasüberdichausBruno? WarumwolltestdunichtmitBruno?) Das Schiff lief irgendwo vor Oslo auf Grund. Alle Passagiere ausgebootet. Alle bis auf zwei Vermisste. Einer davon ist Brunos Frau. Bri-ta.&lt;br /&gt;
Valeska: »Hat man das Schiff nicht gehoben? Oder wenigstens durchsucht?« &lt;br /&gt;
»Es wurde nach einem Jahr gehoben.« Bruno knetet die tätowierten Hände. »Sie war nicht drin.«&lt;br /&gt;
Er muss die Geschichte von vorne beginnen. Diesmal hören alle gespannt zu, gründeln mit im Mysterium. Bri-ta hat noch vom Schiff aus mit dem Handy telefoniert, während ihre Tochter das Rettungsboot bestieg. Das Ausbooten ging wohlgeordnet vor sich. Sie wäre als nächste dran gewesen. »Ich bin als nächste dran, wir stehen schon am Boot«, war das letzte, was er von ihr hörte. An Land hat sie niemand gesehen. Die geretteten Passagiere wurden auf einige Hotels an der Küste verteilt. Bruno hat alle Hotels abtelefoniert. Bri-ta war in keinem. Der andere Vermisste gehörte zum Schiffspersonal. Ein Kellner. Mexikaner.&lt;br /&gt;
»Was für ein Elend«, sagt Valeska.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ulla kann nicht anders, als sich die tote Brita in ihrer Kabine vorzustellen. Da kommt ein Taucher mit Scuba-Flaschen auf dem Rücken, in schwarzem Moltopren, die teppichbelegten Flure im Schiffsbauch entlang getrudelt, öffnet eine Tür nach der anderen – Blick auf immer neue Implosionen. In einer Kabine über dem Tisch schwebende verquollene Spielkarten; daneben freundlich wolkendes Strickzeug über der Couch, regenbogenfarbig, die Holznadeln stecken noch drin. In einer anderen ausgewaschene Bücher auf dem Kabinenboden; dann leere Flaschen, alle in eine Ecke gerollt, die Kabine eines Reisenden, den der Alkohol glücklich ins Boot und ans Land getragen hat. Und dann endlich TUSCH! die Kabine, die nach dem Öffnen der Tür eine Wasserleiche entlässt, graziös durch eine milchige Wolke schwebend augenlos in einem Wust von Haaren und geblähten bleichen Hautfetzen. Sie streckt dem Taucher eine flusige Hand entgegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber sie war ja nicht da. Man hat das Schiff durchsucht. Sie war nicht da. Bruno ist den Tränen nahe.&lt;br /&gt;
«Hat man denn genau gesucht?«, fragt Valeska teilnahmsvoll. »So ein Schiff hat doch Kabinen und Räume und Verstecke noch und noch. Hat man wirklich überall nachgesehen?«&lt;br /&gt;
Vielleicht lebt sie noch?&lt;br /&gt;
Daran mag Bruno sicher nicht denken. &lt;br /&gt;
Escape.&lt;br /&gt;
Ulla, in Gedanken an ihre Screenshots, stellt in neutralem Ton eine falsche Frage: »Und der mexikanische Kellner, war der denn da?«&lt;br /&gt;
Bruno ringt die Hände: »Keine Ahnung. Nein, wirklich. Danach hab ich nie gefragt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und-was-macht-die-Trauer-mit-dir, Bruno. Er erzählt noch eine ganze Weile. Redet in seinen Hemdkragen, die Sätze fallen aus ihm heraus wie klickernde Murmeln. Die Leiterin muss ihn mehrmals auffordern, deutlicher zu sprechen. Valeska verwickelt ihn in ein Verhör, befragt ihn über die Umstände, die kurze Zeit der Liebe, die Tochter (sie wohnt nicht bei Bruno, man sieht sich kaum), die Trauer (er hat einen Tauchkurs besucht). Ulla, die sich auf vage Weise blamiert fühlt, beschränkt sich auf Nickbewegungen. Joachim hört schweigend zu. Was tut er überhaupt in dieser Gruppe? Er spricht weder über sich noch über die anderen. Sitzt wortlos auf Posten in seinen Tarnmusterhosen.&lt;br /&gt;
Die Zeit ist um. Die Sitzung wird aufgelöst. Alle stehen auf, finden noch letzte Worte, diesmal deutlich privater, herzlicher, feuchte Händedrücke vor allem zwischen Bruno und Valeska, Bis-zum-nächstenmal-dann-wieder, Ja-sicher-ich-komme, während Ulla ihre Tasche aufnimmt, ihr Häschen wegpackt, auf die Uhr sieht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es reicht noch für eine Pizza oder ein Döner, ehe sie nach Hause fährt. Im Augenblick ist ihr Leben recht langweilig. Sie arbeitet, so unglaublich es klingt, in einem Kurzwarenladen. Ja, das gibt es wahrhaftig noch. Sie rotiert acht Stunden täglich zwischen Knöpfen und Gummiband. Das ist das reinste Märchen. Der Laden, in dem sie arbeitet, muss der letzte Kurzwarenladen Deutschlands sein. Sie kann sich gut vorstellen, mitsamt dem Laden auszusterben, wenn die Inhaberin den Löffel abgibt. Es entspricht ihrer Natur, mehrere tausend Knöpfe mit Namen zu kennen. Abends setzt sie sich wieder vor ihren Rechner, die Pizzareste in einem Karton neben sich; knipst die Schreibtischlampe an, die eine erleuchtete Insel um sie herum schafft, und beginnt wieder ihre Suche in virtuellen Räumen: Immer etwas Neues. Diesmal gefasst auf die Begegnung mit einem mexikanischen Kellner. Wird das schön, wenn sie eine Tür öffnet und er sich ihr plötzlich entgegen neigt mit freundlichem Lächeln. Mit einem Tablett. Darauf ein Glas, dessen Inhalt mit Meerwasser gemischt ist. Ein Cocktail mit Salzrand.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Gruppensitzung (Romankapitel)</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2008-04-13T13:55:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/1022682963/">
    <title>Freundinnen          


Als ich sieben war …

Als ich sieben war, begegnete ich dem...</title>
    <link>http://annarinnschad.twoday.net/stories/1022682963/</link>
    <description>&lt;b&gt;Freundinnen&lt;/b&gt;          &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich sieben war …&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich sieben war, begegnete ich dem Mann in Schwarz. Ich hatte damals ein Kinderbuch über eine Ritterburg. Sie lag auf einem Berggipfel. Ein Trampelpfad führte hinauf, in unmotivierten Schlangenlinien, wie Wege in Kinderbüchern das meistens tun. Auf einem Bild war ein Ritter mit schwarzem Umhang und hohem Helm zu sehen, der eben durch das Burgtor ritt. Der Ritter war so groß, dass er um ein Haar den Helm am Torbogen zerdepperte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich abends in meinem Kinderbett über dieses Bild nachdachte, trat die Helmausbeulerin in mein Leben. Ihr Name – ich fand ihn passend – war Plongtraud. Sie hatte einen dicken blonden Zopf und kräftige Arme, und in ihren großen Männerhänden hielt sie einen Schmiedehammer, den sie mit Geschick zu führen wusste. Sie wohnte gleich hinter dem Torbogen der Burg und brachte jeden zerbeulten Helm rasch wieder in Ordnung. Jeder reisende Ritter trat, dank Plongtrauds Hilfe, mit tadellosem, blitzblank poliertem Helm vor den Burgherrn. Für den Fall, dass auch der ritterliche Kopf unter dem Helm eingedellt war, konnte Plongtraud auch Heilsalben mischen und mit ihren plumpen Händen feinfühlig einmassieren. Das tat sie auch für jenen Mann in Schwarz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich acht war, starb meine Mutter. Ich wusste damals nicht recht, was passiert war; später erzählte man mir, es sei ein Schlaganfall gewesen. Etwas, was auch einen offenbar kerngesunden Menschen ganz plötzlich treffen konnte. Am Tage vorher, oder vielleicht schon zwei Tage vorher, war eine große Unruhe im Haus. Meine Mutter schimpfte und weinte wegen irgendwas und schrie meinen Papa an; dann schloss sie sich im Schlafzimmer ein und Papa schlief auf dem Sofa. Danach war sie dann nicht mehr da. Vom Schlag getroffen. Irgendjemand erklärte mir, der Schlag sei eine Sache, die sich oben im Kopf abspiele; und ich dachte sofort an meinen Ritter und malte mir aus, meine Mama habe sich an einem zu niedrigen Tor den Kopf zertrümmert. Später habe ich meinen Papa zwei- oder dreimal gefragt, worüber sie gestritten hatten und ob der Schlaganfall eine Folge der Aufregung gewesen sein konnte. Die Antwort war immer gleich: sie hätten gar nicht gestritten, jedenfalls nicht so heftig, wie es mir vorgekommen sei, und überhaupt könnte er sich nicht genau erinnern. Von der Aufregung konnte der Schlaganfall nicht kommen, meinte er. Nicht in ihrem Alter. Meine Mutter war gerade dreiunddreißig. Ich dachte lange darüber nach, ob sie nun immer dreiunddreißig bleiben würde, auch wenn ich selbst alt geworden wäre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis dahin war Plongtraud meine Vertraute gewesen; sie war gemütlich und rund. Ein paar Wochen nach dem Tod meiner Mutter verwandelte sie sich in eine andere Gestalt. Sie wurde klein und mager, gebrauchte nadelscharfe Dolche statt des Hammers und trug einen schwarzen Raspelschnitt. Sie beulte auch keine Helme mehr aus, sondern machte Jagd auf Ratten. Ich stellte mir vor, dass sie sich in Ställen und Schuppen auf die Lauer legte und mit Messern nach den Ratten warf, und sie traf beinahe jedes Mal. Den Namen Plongtraud, der nicht mehr zu ihr passte, legte sie ab; ich bin nicht mehr sicher, ob sie überhaupt einen Namen hatte. Sie war Berufsrattenjägerin. Sie schnitt jeder Ratte, die sie erlegt hatte, den Schwanz ab und fädelte die Schwänze auf Leinenschnüre, immer hundert Schwänze auf einmal. Pro Schnur bekam sie vom Diener des Burgherrn ein Silberstück. Manchmal schummelte sie und fädelte nur neunzig Schwänze auf statt hundert. Der Diener machte sich meistens nicht die Mühe, alle Rattenschwänze genau nachzuzählen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Rattenjägerin war ein agiles kleines Biest, wie aus einem Comicheft entsprungen. Wenn ich in einer Buchhandlung herumstöbere, werfe ich manchmal einen Blick in ein Manga-Heft – ja, genauso sah sie aus, mit spitzem Kinn, überlangen Beinen und Augen wie Kohlestücke.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber als ich etwa zwölf war, endete auch die Rattenjagd, und ich erfand eine neue Vertraute namens Fatrada. Sie wohnte in der Nähe der Ställe, denn ihre Spezialität war es, Pferde zu bändigen. Fatrada, die Pferdeflüsterin! Ich muss wohl kurz vorher bei Karl May gelesen haben, wie ein Mann, einer von Mays Helden, ein Pferd bändigte: mit Sporen, Peitsche und der Kraft seiner Schenkel. Fatrada brauchte weder Sporen noch Peitsche; sie hatte die Pferdesprache gelernt. Sie ritt ohne Sattel und Zaum und konnte jedes störrische Pferd in die Spur bringen, besser als alle ritterlichen Knappen zusammen. Ich stellte sie mir gern vor, diese Knappen. Sie mussten ihren Herren morgens die Rüstung anlegen, mussten Feuer machen und eine Suppe kochen können; aber ihr wütender Ehrgeiz war, große Taten zu tun. Wunderbare Waffentaten, hieß es in der Artussage. Aber die meisten von ihnen hatten Mondgesichter und brachten es nie weiter als zum Suppekochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fatrada war fast einen Meter neunzig groß und hatte einen straffen dunklen Zopf wie Lara Croft. Sie trug ein abgewetztes Lederwams, enge Hosen und weiche Stiefel; weder Hut noch Helm. Plongtraud brauchte sich um sie nicht zu bekümmern. Wenn Fatrada im Galopp durch den Torbogen ritt, beugte sie sich tief über den Hals des Pferdes, um nicht heruntergefegt zu werden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie hatte ihre Zeit; ich denke noch immer gern daran. Dem Mann in Schwarz begegnete sie vorläufig nicht; überhaupt blieb er lange Zeit unsichtbar, nachdem Plongtraud seinen Helm zurechtgebeult hatte. Vermutlich hielt er sich in der Burg auf und wünschte keine weibliche Gesellschaft. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wann dann schließlich Netta geboren wurde, weiß ich nicht mehr. Aber an den Anlass erinnere ich mich.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(...)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die Wahl der Waffen&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ich zu einem Kindergeburtstag eingeladen war, gab man mir immer einen Plastikbecher zum Trinken, weil ich die Gewohnheit hatte, Trinkgläser kaputtzubeißen. Ich machte das nicht mit Absicht. Meine Zähne scheuerten beim Trinken am Glasrand. Ich hörte es knirschen, und plötzlich hatte ich eine Scherbe im Mund. Das löste immer helles Entsetzen aus, weniger bei den anderen Kindern als bei den Großen, die um mein Leben fürchteten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als einziges Kind bekam ich also einen Plastikbecher. Damals waren die noch nicht so gang und gäbe wie heute. Wenn die Geburtstagsfeier anfing und alle Kinder »zur Tortenschlacht« gerufen wurden, erkannte ich meinen Platz immer daran, dass er der einzige mit einem Plastikbecher war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich war überhaupt furchtbar ungeschickt, ließ ständig irgendwas fallen, oder es zerbrach mir unter den Händen. »Sie hat zehn Daumen«, sagte man von mir. Ich konnte weder eine Luftmaschenkette häkeln noch ein Schiffchen falten. Damals, als ich in der zweiten Klasse war, machten alle Kinder Scherenschnitt-Faltsterne zu Weihnachten. Mir gelang kein einziger, ich schnippelte immer daneben und der ganze Stern fiel auseinander. Nicht mal Tischdecken oder Handtücher zusammenlegen konnte ich, ohne Falten hineinzuquetschen. Meine Mutter verlor manchmal die Geduld und bemerkte trocken, ich solle mich besser auf meine Hände setzen und mich möglichst wenig bewegen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das geschah zum Beispiel, als sie eine Geburtstagstorte für mich machte; ich glaube, zu meinem siebten Geburtstag. Ich wollte ihr helfen und fing an, die Zutaten für den Kuchenteig zusammenzurühren, ehe sie richtig temperiert waren. Die Eier kamen aus dem Kühlschrank, die Margarine hatte Kellertemperatur. Der Teig gerann sofort zu einer bröckeligen Suppe. Ich rührte verzweifelt, bis meine Mutter dazukam und mir mit einem unwilligen »hmpf« alles aus der Hand nahm. Sie stellte die Schüssel in ein warmes Wasserbad auf den Herd und fischte ein paar Eierschalenreste heraus. Nach ein paar Minuten war alles schön glatt und schaumig. »Das ging noch mal gut«, sagte sie. »Aber du setzt dich jetzt besser auf deine Hände und guckst nur noch zu. Keine Experimente mehr!«&lt;br /&gt;
Als der Kuchen fertig gebacken und gestürzt war, nahm sie ein großes Messer und schnitt ihn quer in drei Scheiben, um ihn mit Buttercreme zu füllen, wie man es damals noch machte. Heute will das niemand mehr essen. Zu fett, zu viele Kalorien, und alle müssen abnehmen; es gibt nur noch Joghurttorten oder Obstkuchen mit Quark, und selbst dabei hat man ein schlechtes Gewissen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein neunter, zehnter und elfter Geburtstag wurden im Haus meines Papas gefeiert, obwohl keine Mama mehr da war, die alles ausrichtete. Tante Tru kam mittags ins Haus. Sie fuhr ein sehr kleines, dunkelgrünes Auto, einen Fiat 500. Auf dem Rücksitz standen drei Kartons mit Kuchen: Blechkuchen mit Pflaumen, Windbeutel in einer Schüssel und die kleinen runden Teilchen aus festem Rührteig mit Schokoladenguss, die wir »Amerikaner« nannten. Sie tischte Kakao und Saft auf (für mich aus einem Plastikbecher) und wir spielten »Stopp-Essen« und rannten später in Haus und Garten herum. Im hinteren Teil des Gartens wuchsen riesige Rhododendren. Dort habe ich einmal mit zwei Freundinnen eine Schatzkiste vergraben, in die wir ein paar Münzen, einen Comic und eine abgewetzte Plüschkatze gesteckt hatten. Als ich dreißig Jahre später danach suchen wollte, gab es im Garten fast nur noch Rasen und ein paar kümmerliche Halbstämme; ich fand keinen Anhaltspunkt mehr, wo ich suchen sollte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem Tante Tru bei Onkel Philipp ausgezogen war – ich weiß nicht mehr genau, wann das war; ich war wohl dreizehn oder etwas darüber –, musste ich mir selbst überlegen, was ich meinen Geburtstagsgästen anbieten wollte. Ich lud nur noch drei oder vier Freundinnen ein und versuchte, selbst Kuchen zu backen. Mein Papa ging bereitwillig einkaufen und besorgte alle Zutaten, die ich ihm aufschrieb, aber bei den Vorbereitungen machte er sich unsichtbar. Als ich fünfzehn wurde, wollte ich unbedingt eine Sahnetorte mit Schokobiskuit und Kirschen machen. Der Biskuit war eine Herausforderung, weil ich Eiweiß und Eigelb getrennt rühren musste. In einer Zeitschrift hatte ich ein Bild einer jungen Frau gesehen, die keine Arme hatte. Sie besaß keine ungeschickten Hände, auf die sie sich hätte setzen können. Sie hielt ein aufgeschlagenes Ei mit den Zehen fest und brachte es fertig, Eigelb und Eiweiß sauber zu trennen. Das beeindruckte mich tief. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit diesem Bild vor Augen produzierte ich einen perfekten Eischnee, der so fest war, dass er sich nicht bewegte, als ich die Rührschüssel probeweise umdrehte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Biskuitboden wurde hoch und glatt wie aus dem Bilderbuch. Ich musste ihn in drei Schichten schneiden und wagte nicht, ihm mit dem Messer zu Leibe zu rücken. Vielleicht habe ich in einem Kochbuch gelesen, wie man es macht; ich weiß es nicht mehr. Ich holte aus dem Nähkorb meiner Mama, der noch immer herumstand, einen Zwirnfaden, legte ihn einmal um den Boden herum, vorne über Kreuz, und zog die Schlinge langsam und gleichmäßig zu. Das Wort »Garotte« kam mir in den Sinn. Vielleicht hatte ich kurz zuvor etwas über die Mafia gelesen. Ich las von jeher sehr undiszipliniert kreuz und quer; darunter vieles, was ich erst Jahre später verstand. Vermutlich war auch »Der Pate« unter meiner Kindheitslektüre. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese seltsamen Mafiafrauen. Eine kam nie über ihr sizilianisches Dorf hinaus und starb in einem Bombenanschlag, der ihrem Bräutigam galt. Eine andere war hässlich und zu arm an Geist, ihren Ehemann, der soff, sie betrog und prügelte, aus dem Haus zu werfen. Und die letzte, eine emanzipierte Frau, die studiert hatte, wurde Katholikin und pflegte in der Messe für ihren Mafia-Ehemann um Vergebung zu flehen. Das war das Garottenfrauenbild.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An diesem Tag, oder kurz darauf, trat Netta in mein Leben – mit ihrer Drahtschlinge, die lautlos tötet, und mit ihrem Schoßtier, das sie »Knipper« nennt. Knipper ist ungefähr so groß wie ein Fußball und ebenso rund und nackt, er hat weder Fell noch Schwanz noch Ohren, ist einfach nur glatt und rosa-grau gefleckt, mit einem breiten Maul voll nadelscharfer Zähne – ja, er ist jenes Haustier, das an meinen Fersen klebte, als ich noch ein kleines Kind war. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er ist giftig, aber nicht immer ist sein Biss tödlich, oft bringt er auch nur einen langen Dämmerschlaf voller Alpträume. Wenn ich manchmal tagelang nicht aus dem Bett komme, das simple Aufstehen und Anziehen zu einer unlösbaren Aufgabe wird, die langen Stunden versickern mit einem gummiartigen Tropf-Tropf, wenn meine Beine sich von selbst losreißen und davongehen, als gehörten sie nicht mehr mir, dann hat mich der Knipper gebissen. Es gibt kein Gegenmittel, aber ich weiß, dass Knipper mich nicht tötet. Das würde er nie tun, er gehört ja zu mir. Ich muss nur abwarten, bis meine Beine zurückkehren, der Kopf sich aus dem Kissen hebt, das Leben wieder beginnt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&lt;br /&gt;
Bohnen, oder: Wie man eine Geschichte schreibt &lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine meiner allerersten Geschichten über Netta ist die mit dem Maler Alexander und seinem Vater. Aufgeschrieben habe ich sie bisher nicht, aber hin und wieder erzähle ich sie mir selbst. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Geschichte handelt von einem sehr reichen Mann, der keine Gefährten oder Bediensteten hatte bis auf eine schwerhörige alte Haushälterin. Er hatte so lange allein gelebt, dass seine Phantasie ins Kraut geschossen war und ihm vorgaukelte, alle Menschen seien seine Feinde und wollten ihn betrügen oder berauben. Deshalb hielt er das wahre Ausmaß seines Reichtums sorgfältig geheim. Er lebte bescheiden, trug immer die gleichen schäbigen Kleider (ich stelle mir gern vor, dass er in einer Mönchskutte ging) und nahm nie etwas anderes zu sich als Suppe, Brot und Wasser. Vielleicht, so habe ich mir überlegt, hatte er hin und wieder das, was Tante Tru »Gelüste« nannte. Dann schickte er seine Haushälterin los, ihm bei einem Gewürzhändler in der Nähe Schokolade zu kaufen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Schokolade!&lt;/i&gt; An dieser Stelle stolpere ich und überlege, ob Trinkschokolade in dem Umfeld meiner Geschichte vorkommen darf. Der Anfang vom Ende! Ich rufe sofort Wikipedia auf und überprüfe die Einführung der Kakaobohne in der Alten Welt; ich recherchiere Beigaben von Zucker, Zubereitungsarten, Preise, bis ich mich in tausend Einzelheiten verzettelt habe. Solche Gedanken haben es in sich, den vorzeitigen Tod der Geschichte einzuläuten: Ich denke mir das, was man ein &lt;i&gt;Setting&lt;/i&gt; nennt; ich versehe den armen reichen Mann mit einem Bürgerhaus an einer holländischen Gracht oder in einer Hansestadt &lt;i&gt;(Hafen? Schiffe? Zünfte? Handelshäuser??)&lt;/i&gt;; meine Gedanken hüpfen in alle Richtungen davon wie verängstigte Hasen, und ich muss sie zur Ordnung rufen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Davon hängt es nicht ab! &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist nur eine Geschichte; es spielt erstmal keine Rolle, wo und wann der Mann seine Schokolade trinkt. Es könnte das Dritte Zeitalter in Mittelerde sein oder Buenos Aires nach dem Zerfall des Computerreichs im Jahr 3016. Wichtig ist nur die Magd, die eiligen Schrittes, den kleinen irdenen Krug unter der Schürze verborgen, durch die engen Gassen humpelt. Zu Hause angekommen, gießt sie die Schokolade, die inzwischen kaum mehr lauwarm ist, in einen Becher und stellt ihn sorgfältig auf ein Tablett. Wenn sie dem Hausherrn das Tablett gebracht hat, kehrt sie aufseufzend in die Küche zurück, macht es sich auf der Herdbank bequem und leckt in aller Ruhe den Krug aus, zieht mit dem tief hineingesteckten Finger die letzten Tropfen ans Licht: dicke dunkle Schokolade, mit Honig schwach gesüßt. Das ist gut für die Knochen, für die geregelte Verdauung und die Manneskraft. (Nicht dass ihr Dienstherr für letztere noch Verwendung hätte, denkt sich die Magd und kichert in sich hinein, während sie ihre Lippen ableckt und an den Zähnen saugt, bis der letzte bittere Rest verflogen ist.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist es, was für die Geschichte wichtig ist. Der Geschmack der Schokolade, die Bitternis, die letzte Schmiere am Zeigefinger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann: Weit, weit entfernt von dem handtuchschmalen Bürgerhaus des armen reichen Mannes ragt ein Burgturm empor (hier denke man sich eine schnelle Kamerafahrt übers Land; Äcker, Wälder, Flüsse, Straßen, Gutshöfe und endlich die Burg), und im Oberstock jenes Burgturms steht am Fenster ein Mann, sagen wir um die Vierzig, nicht groß, untersetzt, mit dunklem, leicht angegrautem Haar. Er steht an einer Staffelei, den Pinsel in der Hand. (Die Wörter »Fenster« und »Staffelei« könnten eine gedankliche Panik auslösen wie die Schokolade. &lt;i&gt;Setting!&lt;/i&gt; Frühmittelalter oder später? Gibt es schon Glas, hängen Teppiche am Fenster, um die Kälte abzuhalten; welche Gerätschaften benutzten die Maler? Ich denke mir eine bucklige Butzenscheibe, und die Staffelei ist eine Holzleiter, auf der ein angefangenes Bild steht; eine Holztafel. Es muss nichts Genaues sein, was ich mir denke – sollte ich die Geschichte jemals schreiben, werde ich vorher nachforschen. Sonst streicht mir die Lektorin alles an.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im gleichen Raum sind Netta und der Knipper. Netta, die Heldin meiner Jugend, ist zu diesem Zeitpunkt etwa Mitte zwanzig. Sie wohnt hier.  Sie hat die Burg als Kind verlassen und ist später zurückgekehrt; über diese Ereignisse gibt es schon einen ganzen Romanzyklus. Natürlich. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Netta ist unauffällig, weder groß noch klein; sie ist schlank und kräftig (aus beruflichen Gründen muss sie das sein), aber nicht der Typ Frau, der sich irgendwie zur Geltung bringt. Sie strickt. Dazu komme ich noch. Ihr Schoßtier, der Knipper, ist ebenfalls anwesend, aber er hat sich unsichtbar gemacht, wie meistens.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn sie von ihrer Strickarbeit aufschaut, sieht sie dem Maler zu. Der Maler arbeitet an einem Porträt, dem Bildnis einer sitzenden Dame mit Perlenschmuck und einem dunklen Pelzumhang. Die vorbereitende Skizze hat er vor dem Modell gemacht; jetzt malt er die Einzelheiten, einen Ohrring, eine Spitzenborte an dem Samthandschuh, der auf dem Tisch liegt, einen Lichtreflex in einem perlmutterweißen Fingernagel. Es spielt keine Rolle. Wichtig ist Netta, die wenige Schritte entfernt auf einer Bank sitzt und etwas strickt. Netta kann recht gut stricken, obwohl sie es eigentlich nicht gern tut; aber es gibt keine bessere Tätigkeit, um Männer zum Reden zu bringen. Sie ist praktisch gar nicht da. Und der Mann erzählt, während er die Perlenkette um den weißen Hals malt, Perle für Perle, mit unerhörter Achtsamkeit, wie nur er es kann. Die feine, zierliche Hand der Frau, mit langen, an den Spitzen nach oben gebogenen Fingern; die Hand liegt im Schoß der Frau und hält ein kleines Buch. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er ist ein bekannter Maler und hält sich für einige Wochen auf der Burg auf, um ein paar Porträts wichtiger Leute zu malen. Nettas Boss zum Beispiel, den Burgherrn. Und die eine oder andere Verwandte – wen genau, ist für die Geschichte nicht wichtig; auch darum werde ich mich später kümmern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er kann sich seines guten Rufs nicht recht freuen. Im Grunde ist ihm alles verleidet. Er ist, so klagt er, vaterlos. (Netta lächelt in sich hinein – sie weiß nicht mal sicher, wer ihr Vater ist, aber sie hat eine Vermutung.) Er berichtet von dem armen reichen Mann, der sein Vater war, der nicht Freund von Feind unterscheidet, der seine Verwandten nicht kennen will, nicht einmal seinen einzigen Sohn, der sich in der Fremde den Lebensunterhalt mit Porträtmalen verdient. Und er ist ein guter Maler. Überall, wo er hinkommt, heißt man ihn willkommen; es gibt immer Aufträge für ihn. (Ich denke sekundenlang nach, womit er malt. Ölfarben oder Tempera? Aus welchem Holz bestand die Tafel? Womit grundiert er, wie stellt er seine Farben her? Streicht er Eiweiß darüber? Recherchearbeit. Dann lasse ich das Denken. &lt;i&gt;Setting&lt;/i&gt;. Nicht wichtig.) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Maler hat den Pinsel niedergelegt, sich auf eine Bank im Alkoven gesetzt; draußen sinkt die Sonne, und er erzählt, wie seine Mutter starb, als er noch ganz klein war; wie sein Vater ihn im Lesen unterrichtete und den Rohrstock auf die kleinen Hände pfeifen ließ, wenn er ein Wort nicht richtig buchstabierte; wie er mit zwölf Jahren von zu Hause davonlief, um bei einem Maler in die Lehre zu gehen. Die Erzählung wickelt sich unaufhörlich ab wie ein Wollfaden vom Knäuel. Der Vater, der Rohrstock, das ABC-Buch, das trübe Licht im väterlichen Esszimmer neben dem kalten Kachelofen, die saure Milch im Krug, der Mief nach ungelüfteten Kleidern, die Fettflecken auf dem grob gehobelten Holztisch ... &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schweigend strickt Netta an ihrem Strumpf. Er ist schon so lang, dass er allenfalls an einen Männerfuß passt. Einen sehr großen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Netta macht keine Vergnügungsreisen, aber Dienstreisen. Ein halbes Jahr später ist sie dienstlich unterwegs. Im Auftrag ihres Burgherrn, der eine Kleinigkeit erledigt haben möchte. Wie es der Zufall will, hält Netta sich in genau jener Stadt auf, von der ich nicht sicher bin, wo sie liegt, und in der der arme reiche Mann wohnt. Immerhin habe ich der Stadt inzwischen einen Namen gegeben: sie heißt Middelhaven. Ich könnte Nettas Auftrag lang und breit beschreiben, aber dafür ist hier nicht der Platz; ich werde mir später etwas Passendes ausdenken. Die ehemalige Geliebte des Burgherrn, das gemeinsame Kind, eine steinalte Hebamme und ein geheimnisvolles Amulett spielen dabei eine Rolle. Solche Dinge gehen mir meistens leicht von der Hand. Wenn ich schreibe, sitze ich auf dem alten blauen Flickenteppich, der mir die Denkerkappe ersetzt, balanciere das Notebook auf den Knien und bin Wanda Mogen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Netta ihren Auftrag abgedient und Wanda Mogen gute siebzig Seiten gefüllt hat, nimmt sie den Knipper unter den Arm und sucht das alte Bürgerhaus mit der handtuchschmalen Fassade auf. Der Maler hat es ihr genau beschrieben. Netta hat ihm übrigens ihre Strickstrümpfe geschenkt; sie sind ihm zwar zu groß, aber er war trotzdem gerührt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es muss an mir liegen, dass an dieser Stelle meine Finger auf der Tastatur stocken, weil ich an jenen handgestrickten wollenen Strümpfen hängen bleibe, die mich viel mehr interessieren als sämtliche burgherrlichen Gespielinnen, deren Bastarde, Hebammen und geheimnisvolle Amulette. Ich stelle mir den Maler vor (er heißt Alexander und signiert seine Bilder mit ALX), wie er die Stiefel auszieht, die alten zerlöcherten Socken beiseite wirft und stattdessen Nettas Strümpfe über die Füße streift. Obwohl er, wie gesagt, gerade mal um die vierzig ist, hat Alexander die Füße eines alten Mannes, platt gestanden von vielen, vielen Stunden vor der Leinwand, mit verhornten Zehennägeln und Krampfaderknoten, die sich um die Knöchel winden wie Würmer. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liebevoll fahren seine Hände über die neuen Strümpfe, er zieht sie sorgsam hinauf und stößt dabei einen behaglichen Seufzer aus. »Und wenn du irgendwann nach Middelhaven kommst, Netta«, sagt er mit leiser Stimme, »dann vergiss nicht, meinen Vater zu begrüßen. Vielleicht freut er sich, von mir zu hören. Richte ihm einfach aus, dass es mir gut geht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei den letzten Worten erstirbt seine Stimme zu einem resignierten Flüstern: Vielleicht freut er sich; vielleicht will er ja wissen, was sein Sohn macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Väter nabeln sich ab. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bürgerhaus steht in einer verpissten, grau durchnässten Gasse. Die Fenster nach vorne sind alle verhängt. Netta betätigt den Türklopfer mehrmals und lässt den eisernen Ring kräftig gegen die Tür hämmern. Endlich öffnet ihr die alte Magd. Sie hat Schokoladenspuren um die bärtigen Mundwinkel. Besorgt mustert sie den Knipper, aber sie lässt Netta (die sich auf den Sohn des Hausherrn beruft) herein. Netta wartet in dem eiskalten Flur darauf, vorgelassen zu werden. Sie setzt den Knipper zu Boden. Wie üblich geht er sofort seine eigenen Wege. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im dem grau und schwarz gefliesten Flur gibt es rechts eine Holztreppe, die nach oben führt. Die Stufen sind staubbedeckt, aber ein paar Fußabdrücke im Staub lassen darauf schließen, dass ab und zu jemand hinaufgeht. Links steht ein fast deckenhoher Schrank aus dunklem Holz voller Holzwurmlöcher. Der Flur setzt sich in die Tiefe des Hauses fort, es gibt mehrere Zimmertüren links und rechts. Unter der Treppe sind in einem offenen Verschlag ein paar Holzscheite gestapelt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Magd bleibt lange weg. Netta spitzt die Ohren und hört einen hastigen Dialog aus dem hinteren Bereich des Hauses. Grob gezischelte Worte. Der Hausherr will sie nicht sehen, aber auch nicht wegschicken. Er will wissen, wer sie ist. Das kann die Magd nicht zu seiner Zufriedenheit beantworten. Es geht minutenlang hin und her. Netta hat die Hand auf dem schweren Eisengriff innen an der Haustür. Sie zieht die Tür geräuschlos auf. Lässt sie mit einem Knall wieder zufallen. Wie ein Gongschlag dröhnt es durch das Haus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein, zwei Minuten lang rührt sich nichts. Dann kommt die Magd wieder herangewatschelt. Erstaunt dreht sie sich im Flur hin und her und murmelt etwas in sich hinein: Die Besucherin ist verschwunden. Vermutlich hat sie die Geduld verloren und das Haus wieder verlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Netta steht wie ein Schatten in der Tiefe des Holzverschlags und beobachtet die Magd. Sie zuckt nicht einmal, als sich etwas Warmes über ihre Füße legt. Es ist der Knipper, der eben zu ihr zurückgekehrt ist, lautlos wie der Schatten eines Schattens. Der Knipper ist ein verlässlicher Komplize. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unwillig vor sich hin brummelnd über die Unhöflichkeit dieser Fremden, schuffelt die Magd wieder davon, irgendwohin in die Tiefen des Hauses; vermutlich in die Küche. Netta wartet noch mehrere Minuten, ehe sie den Holzverschlag verlässt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bisher, fällt mir gerade auf, hat Netta in dieser Geschichte noch kein Wort gesprochen. Das war ungeschickt von mir. In jedem meiner Bücher über Netta erwähne ich möglichst früh, dass sie eine tiefe Stimme hat, sanft und Vertrauen erweckend. Und auch ihre anderen Eigenarten: ihr dunkelblonder unordentlicher Haarknoten; der Flaum hinter ihren Ohren; die Augenbrauen, etwas dunkler als ihre Haare und so weich wie Mottenflügel; die querlaufende Narbe am Hals, die aussieht, als wäre sie schon einmal gehängt worden, die aber in Wirklichkeit von einem Missgeschick herrührt – als sie ein paar Hengstfohlen auf der Weide einzufangen half. Diese Narbe ist Nettas Kapital, weil sie auf diffuse Art angsteinflößend wirkt. Wenn sie harmlos und unbedarft erscheinen will, trägt sie einfach ein Halstuch, das die Narbe verdeckt. So auch diesmal. Beim Gespräch mit der Magd war es wichtig. Jetzt, da sie den Hausherrn sehen kann – in einer Art Lagerraum ganz hinten im Haus – überlegt sie es sich anders, öffnet das Halstuch und zieht die Zipfel unter ihren Armen durch. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie verharrt bewegungslos. Der Hausherr ist nicht weniger steinalt als seine Magd, wirkt aber wesentlich agiler. Er bewegt sich fast wie ein junger Mensch. Er wirtschaftet zwischen Stapeln von Bildern umher. Der Raum sieht aus wie ein Trödelladen. Unter einem blinden Fenster auf der linken Seite steht ein großer Schreibtisch, auf dem alles mögliche liegt und steht; Schreibzeug, ein offenes, verstaubtes Buch, ein Kerzenhalter mit Lichtstumpf, ein Brotkanten neben schrumpligen Äpfeln. Es gibt ein paar schadhafte Stühle, einen offenen Schrank mit zerschlissenen, schmutzigen Wäschestücken, Schuhe, ein wacklig dastehendes Cembalo – das muss ich übrigens auch recherchieren; vielleicht streicht die Lektorin es an und krakelt »Klavizimbel« an den Seitenrand. Aber das gehört zum Setting und hat Zeit bis später.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bilder über Bilder hängen, stehen und liegen überall, und der Hausherr mittendrin trägt eine Art Hausmantel, der wie eine Mönchskutte aussieht (dunkelbraun mit weiten Ärmeln) und auf dem Kopf eine Filzhaube, unter der graue Haarsträhnen heraushängen. Er behandelt die Rahmen mit einem Staubwedel. Viel Erfolg hat er dabei nicht. Der Staub wirbelt in Wolken hoch und senkt sich wieder. Es spielt keine große Rolle, denn alle Bilder sind sowieso schwarz-braun – wie man sich heute einen alten Holländer in einem drittklassigen Antiquitätenladen vorstellt: Schlachtengemälde, Jagdszenen, Madonnen, Ochs und Esel, Hase und Hirsch, Früchteteller und Kohlstrunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst als er beinahe über Nettas Schuhspitzen wedelt, bemerkt er ihre Anwesenheit und fährt mit einem spitzen Laut zurück. Er will etwas sagen und bekommt stattdessen einen Hustenanfall. Netta nimmt ihn behutsam am Arm und dirigiert ihn in einen Armlehnstuhl, der halbwegs intakt aussieht. Sie nimmt ihm den Staubwedel aus der Hand, legt ihn auf den Boden. Der arme reiche Mann hustet ohne Unterlass. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Boden, gleich neben dem Stuhl, liegt ein Bild. Es ist sehr klein, nicht mehr als dreißig mal dreißig Zentimeter groß und dunkel angelaufen. Netta nimmt den Staubwedel und fährt einmal darüber – nachdem sie den Staub entfernt hat, leuchtet es in warmen Farben auf. Ja, stellt sie entzückt fest, es hat die Signatur ALX. Es zeigt eine Schüssel Bohnen, ein paar Tomaten, einen Kräuterstrauß, einen Salzstreuer – wie ein Kochrezept. Oben auf der Bohnenschüssel sitzt ein kleiner roter Teufel und hält mit triumphierender Miene eine Pfefferschote empor.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist wertlos«, bringt der Hausherr keuchend hervor. Sein Husten hat nachgelassen. Er wischt sich mit dem Ärmel die Lippen ab. Als er aufrichten will, wirft ihn eine erneute Hustenexplosion in den Sessel zurück. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist von Alexander!«, erwidert Netta mit ihrer tiefen, sanften Stimme. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es ist wertlos. Der Maler ist ganz unbekannt. Ich habe bessere Stücke.« Er macht eine unbestimmte Bewegung mit einer knochigen Hand. Die Fingernägel sind lang wie Klauen. Der ganze Mann ist ins Kraut geschossen. Die Haare zotteln lang herunter, und als bei einem neuen Hustenanfall die Filzhaube zur Seite rutscht, sieht Netta mit Staunen seine Ohren: sie sind lang und spitz wie die eines Esels. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Netta legt ihm das Bild in den Schoß. Er schubst es weg: es sei Schund, sie könne es behalten. Wertloser Müll. So geht es minutenlang hin und her. Zwischendurch würgt ihn immer wieder der Husten. Er ruft nach der Magd; sie kommt nicht. Vielleicht lutscht sie immer noch an dem Schokoladenkrug.  Sein Blick fällt auf die Narbe an Nettas Hals. Der Husten raubt ihm den Atem. Netta legt das Bild wieder in seinen Schoß und zieht die Garotte aus der Tasche. Es ist eine Drahtschlinge mit Holzgriffen an beiden Enden. Sie beugt sich vor und legt ihm die Schlinge um den Nacken. Er hustet und hustet. Der Knipper kommt herbei und setzt sich neben ihre Füße. Seine Schnauze ist blutig; wahrscheinlich hat er in den Tiefen des Hauses Ratten gejagt. Netta bleibt vor dem Lehnstuhl stehen und sieht dem alten Mann beim Husten zu. Sie muss die Schlinge nicht zuziehen. Nach ein paar Minuten hört er von selbst auf. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sitzt zusammengesackt. Sie nimmt die Schlinge wieder an sich, steckt sie in die Tasche. »Grüße von Alexander«, sagt sie laut. »Es geht ihm gut, soll ich ausrichten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keine Antwort. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie nimmt das Halstuch von den Schultern und wickelt das kleine Bohnenbild sorgsam hinein. Sie befühlt die kalten Hände, die kalte Stirn des Hausherrn. Dann verlässt sie das Zimmer, mit dem eingewickelten Bild unter dem Arm. Sie verlässt das Zimmer und das Haus. Sie begegnet niemandem. Die Magd lässt sich nicht blicken. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am selben Abend macht sich Netta auf den Heimweg. Sie hat ein kräftiges kleines Reitpferd zur Verfügung, aber da sie sich eine Gruppe wandernder Feldarbeiter anschließt, geht sie zu Fuß und bürdet dem Pferd nur das Gepäck und den Knipper auf. Der Knipper ist nicht besonders gut darin, lange Strecken zu laufen, aber wenn es sein muss, benimmt er sich wie ein Hasenbalg oder ein anderes totes Tier. Er lässt sich einfach in ein Bündel packen oder in einen Korb stecken und abtransportieren. Das Bild hat Netta gut in Decken verpackt, ihr Halstuch wieder angelegt. So geht alles unauffällig seinen Gang. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt habe ich das Bild. Es lehnt an der Zimmerwand, während ich die letzten Worte ins Notebook tippe und mich für heute von Netta verabschiede. Bohnen und Tomaten, Kräuterstrauß, das Pfefferteufelchen, ALX: meine Beweise.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Netta tritt auf (Romankapitel)</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2021 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2021-04-01T21:25:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/11419541/">
    <title>...</title>
    <link>http://annarinnschad.twoday.net/stories/11419541/</link>
    <description>&lt;i&gt;Liebe Cora ….&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Meer rollt an den Strand, ach, es rollt nicht nur, es donnert gegen die Ufermauer, dass Schaumspritzer an die Fensterscheiben fliegen, es schäumt und wühlt mit jeder Woge die schwarzen Lavakiesel auf, dass es nur so prasselt. Ein stetiger Rhythmus von brechenden Wellen und prasselnden Steinen erfüllt den Alltag, bei Ebbe etwas gedämpfter, bei Flut enervierend laut. Selbst wenn Cora sich nachmittags ein wenig hinlegt, bei geschlossenen Fensterläden und mit halb über den Kopf gezogener Decke, spürt sie das Bett, den Fußboden, das ganze Haus unter dem Ansturm des Meeres wanken. Das ist natürlich Einbildung. Das Haus ist fest gebaut und Hochwasser ist nicht zu befürchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Liebe Cora, es tut mir ganz doll leid, aber mir ist etwas dazwischen gekommen, ich kann Dich nicht wie geplant bei mir unterbringen …&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Ebbe sieht sie manchmal andere Urlauber mit hochgekrempelten Hosen zwischen den Lavakieseln umherwandern. Sie tragen Gummisandalen und bücken sich alle Augenblicke, um etwas aufzuheben, es einander auf der flachen Hand zu zeigen und wieder wegzuwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Küste zeigt sich nackt, präsentiert ihren Reichtum an Muscheln, Tang, schön geformten Kieseln, manchmal Kleiderfetzen und Knochenstücken. Wenige Stunden später ist das Meer wieder zurück und stürmt gegen die Ufermauer wie gehabt. Cora setzt sich im Bett auf, kratzt die empfindliche Haut an den Schienbeinen (rot von der ungewohnten Sonne, denn zu Hause ist es Januar), nimmt ihren Krimi von der anderen, leeren Bettseite und sucht die Stelle, wo sie stehen geblieben ist. Der Krimi spielt teils in Schweden, teils auf den Kanaren, deshalb hat sie ihn mitgenommen. Spanisches Ambiente. Wenn sie das Buch durch hat, kann sie es einfach dalassen, das ist immerhin ein Vorteil.&lt;br /&gt;
Der Brief steckt zwischen den letzten Seiten des Buchs. Cora hält ihn in einen Lichtstreif, der sich am Fensterladen vorbeigezwängt hat. &lt;i&gt;Liebe Cora, es tut mir ganz doll leid, aber mir ist etwas dazwischen gekommen, ich kann dich nicht wie geplant bei mir unterbringen. Ich muss selbst nach Madrid fliegen und weiß nicht, wann ich zurückkomme. Die Sache zwischen Albert und mir ist geplatzt. Tschüss, Albert, weg mit Schaden! Er hat das Ferienhaus abgeschlossen und ist irgendwohin verschwunden. Ich wollte dir natürlich nicht absagen, weil ich weiß, dass Du den Flug seit Monaten gebucht und bezahlt hast, aber nun musst Du ohne mich zurecht kommen. Am besten nimmst Du Dir am Flughafen ein Taxi und fährst direkt nach Ajola, das ist ein kleiner Ort nur eine Bucht weiter. Du kannst bei einem guten Freund von mir über seiner Taverne wohnen. Selbstverständlich brauchst Du dafür nichts zu bezahlen; ich hatte Dich ja eingeladen. Es ist eine richtige Ferienwohnung, aber wir haben sowieso Nebensaison, du brauchst Benito nur einen Zuschuss für Licht und Wasser zu geben, den Rest regle ich mit ihm. &lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich. Hier kennt jeder jeden. Und so ist Cora nun in dieser winzigen Bucht gestrandet, eingesperrt zwischen zwei hohen Lavarücken; in diesem Nest Ajola, das aus – über den Daumen gepeilt – höchstens achtzig Häusern besteht.&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Ich habe es mir so schön vorgestellt, Dir die Insel zu zeigen, Cora-Schatz, aber ich muss wirklich dringend weg und mit meinem Rechtsanwalt reden wegen Albert. Ajola wird Dir gefallen. Baden geht wohl nicht, die See ist im Januar zu rauh, aber ausspannen kann man hier ganz herrlich! Es geht auch einmal täglich ein Bus über den Berg nach San Pedro, da gibt es ein wenig Nachtleben und so, aber erwarte nichts Großartiges. Die Einheimischen sind sehr nett und Benito wird sich um Dich kümmern. Es sind auch immer ein paar Deutsche in Ajola, vielleicht findest Du jemanden, mit dem Du wandern gehen kannst. Ich rufe Dich an! Küsschen! Deine Brigitte.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Benito hat sich als zuvorkommender kleiner Mann erwiesen. Als Cora ankam, stand er auf der dem Meer zugewandten Terrasse seiner Taverne und war, von oben bis unten mit Zementstaub bedeckt, damit beschäftigt, eine Mauer auszubessern. Die Zeit drängte, weil die Flut im Kommen war. Er strahlte, brachte ein paar Floskeln in Englisch hervor und verwies Cora in die kleine Wohnung im Obergeschoss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Zimmer, Bad, Küchenzeile. Balkon hinaus auf die Hafenmauer und das ewige Gelärme des Meeres. Handtücher und Bettwäsche lagen im Schrank. Die Wohnung war für ein Paar gedacht. Cora breitete sich auf dem Doppelbett aus, suchte ihr Handy hervor und versuchte, Brigitte anzurufen.&lt;br /&gt;
Es überraschte sie kaum, dass es hier kein Netz gab. Seufzend pellte sie sich aus Jeans und Strumpfhose. Sie war am Tag zuvor in der Frühe bei minus drei Grad gestartet, und hier hatte es mindestens zwanzig Grad plus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Später am Nachmittag machte sie noch einen Versuch. Sie verließ das Haus und stieg durch einige enge Gassen bergwärts. Im oberen Ortsteil gab es Gärten, terrassenförmig angelegt und mit Bananenstauden bepflanzt. Auf einem Stück Brachland schob ein junger Mann in Trainingsjacke und Basecap einen dröhnenden Motorpflug herum. Er trug Ohrenschützer und hatte ein lustvolles Grinsen aufgesetzt. Cora musste noch höher steigen, um etwas Ruhe zu haben. An den Berghängen standen wohlhabend aussehende Villen weit verstreut, dazwischen Gärten und Palmenhaine. Weiß gestrichene Terrassen, dem Meer zugewandt; Geranientöpfe in überquellendem Rot. Zum ersten Mal fiel Cora auf, dass Ajola zweigeteilt war. Der obere Ortsteil mit den Villen war durch eine breite, schwarz verkohlte Schneise vom unteren Teil getrennt, als wäre ein Brand quer durch das Tal gerast. Rußige Palmenstümpfe standen umher, mit weggesengten Kronen. Zwischen dieser Schneise und dem Strand gab es nur noch drei Dutzend aneinander gedrängte Häuser – eines davon Benitos Taverne, doch so von oben gesehen konnte sie nicht ausmachen, welches. Ziemlich weit links war so etwas wie ein Café zu erkennen. Auf einem kleinen, zwischen Häusern eingezwängten Platz standen drei runde Tischchen mit Stühlen darum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von ihrem erhöhten Stand aus bekam Cora endlich eine Verbindung. »Hey, Brigitte!«, schrie sie ins Handy. »Ich bin hier in Ajola. Hab die Wohnung gefunden. Benito ist okay. Aber was ist denn überhaupt los bei dir?«&lt;br /&gt;
»Albert hat mich rausgeschmissen!«, klang eine dünne Stimme zurück. »Ich konnte dort nicht mehr bleiben. Das Haus gehört ihm, er hat einfach abgeschlossen und ist weg. Es tut mir so leid, Cora, ich musste nach Madrid zurück, kommst du denn klar?«&lt;br /&gt;
»Natürlich komme ich klar! Aber ich wollte dich doch besuchen, das ist schließlich der Grund, warum ich hergekommen bin!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, ich weiß! Es tut mir so leid. Mach dir einfach eine schöne Woche. Es kostet dich nichts, die Wohnung bei Benito steht ohnehin leer, gib ihm einfach ein Trinkgeld, und ja, es wäre gut, wenn du bei ihm isst, verstehst du, er hat ja die Kneipe dort. Sonst brauchst du nichts zu bezahlen, ich hab das mit Benito besprochen!«&lt;br /&gt;
»Aber was soll ich denn machen? Hier gibt es ja nichts. Nicht mal baden kann man!«&lt;br /&gt;
»Geh wandern, oder fahr mit dem Bus nach San Pedro, da gibt es Läden. Dir wird schon was einfallen. Es ist nicht wie Teneriffa, aber die Landschaft ist doch schön, oder? Mach es dir gemütlich und trink Palmwein!«&lt;br /&gt;
Die Verbindung wurde immer schlechter. »Ich kann dich kaum noch verstehen!«, schrie Cora. »Ich rufe dich wieder an!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Cora an das Gespräch zurückdenkt, bringt es sie ein wenig auf die Palme, dass Brigitte ihr San Pedro wegen der »Läden« empfohlen hat. Cora muss nichts einkaufen. Im Gegenteil, das Schöne an Ajola ist, dass sie hier nichts braucht.&lt;br /&gt;
Rein gar nichts, weil hier nie etwas passiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Palmen sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Einheimischen steigen mit Leitern hinauf, schneiden im Bereich der obersten Palmwedel den Stamm an und sammeln den auslaufenden Saft in einem angehängten Eimerchen. Der eingekochte »Palmenhonig«, der herb schmeckt wie Rübensaft, wird hier so umfassend verwendet wie Salz. Man kippt ihn ins Salatdressing, in Fleischmarinaden und in Kuchenteig, man schmiert ihn aufs Frühstücksbrötchen oder gießt Schnaps damit auf. In Benitos Taverne steht immer ein Krug Branntwein mit Palmenhonig auf der Theke. Die Gäste sind zum Großteil alte Männer, die auf der Terrasse sitzen und sich stundenlang unterhalten, in der entspannten, monologisierenden Art der Spanier. Manchmal kommen auch dicke Frauen in Kittelschürzen und fangen an, auf die Männer einzupredigen, die im gleichen Tonfall antworten. Es gibt keine lauten Heiterkeitsausbrüche, aber auch nie Streit. Das Essen bei Benito ist ausgezeichnet; es gibt dicke Kressesuppe, Brot mit dem würzigen mojo in rot und grün, Fisch und Meeresfrüchte und nach jeder Mahlzeit Palmwein, dick und süß. Es dauert keine drei Tage, da hat Cora die Nase voll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie fängt an, nach anderen Urlaubern Ausschau zu halten. Jemand, mit dem sie reden kann. Sie wandert die Straße hinauf, findet eine Bushaltestelle und kann den Fahrplan nicht lesen – ein Gewirre von Zahlen und unbekannten Ortsnamen. Die schwarze Schneise fällt kaum auf, wenn man sie durchquert. Nur ein paar versengte Büsche. Aber von oben gesehen, sieht Ajola aus wie ein von einer rätselhaften Katastrophe heimgesuchter Ort. Die Bushaltestelle liegt so hoch, dass sie wieder das Café im unteren Ortsteil ausmachen kann. Drei Stühle sind besetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nachdenken versunken, trödelt sie zurück, überquert die Brandnarbe und sucht in den engen Gassen nach dem Café, steigt Treppen hinauf und hinunter. Auf den flachen Dächern flattert Wäsche. Es muss ziemlich weit links sein, das ist ihr einziger Anhaltspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ist es; ein kleiner Platz mit drei Tischen, eine offene Türluke in ein dunkles Haus. Zwei der Tische sind besetzt. Cora setzt sich an den dritten und mustert die Gäste – eine einzelne junge Frau und ein älteres Paar. Alle drei lesen. Die Junge, in Funktionshosen und Wanderstiefeln, hat ein dickes Buch in Leinen mit verblasstem Goldschnitt. Der alte Mann liest einen Comic; auch dieser alt, von Marvel – Cora erkennt Spiderman auf dem Titel; und seine Frau ist in die letzten Seiten eines Taschenbuchkrimis vertieft. Und alle drei essen, wie Cora verwundert beobachtet: Die junge Frau hat geröstete Nüsse in einem tiefen Teller vor sich, die krimilesende Frau dippt Grissini in eine rote Soße, der Alte mit dem Comic lutscht an einer gestreiften Zuckerstange, die eher zu einem Kindergartenkind passen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand kommt, um Cora zu bedienen. Die drei Leute lesen stumm, die Sonne brennt, in dem kleinen Platz staut sich die heiße Luft. Die Stille ist merkwürdig. Obwohl der Strand keine hundert Meter entfernt sein kann, klingt das Rauschen der Wellen hier weit entfernt, eher wie ein leises, einschläferndes Wiegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gibt’s keinen Service hier?«, murmelt Cora verärgert. Sie tut es absichtlich – der Krimi, den die Ältere liest, hat einen deutschen Titel, sie könnte doch antworten – aber es kommt keine Reaktion. Ich bin unsichtbar, denkt sich Cora, oder was?&lt;br /&gt;
»Sie müssen lesen«, zischt die junge Frau in ihre Richtung.&lt;br /&gt;
»Wie bitte?«&lt;br /&gt;
»Sie müssen sich was zu lesen holen. Von drinnen. Dann werden Sie bedient. Das ist hier so üblich.« Krachend zerbeißt sie eine Nuss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cora bewegt sich zur Tür, um einen Blick hineinzuwerfen. Das Café hat weder eine Theke noch Bedienung, jedenfalls ist niemand zu sehen. Statt dessen bedecken Bücherregale die Wände bis zur Decke hinauf. »Kann ich mir einfach was nehmen?«, fragt Cora über die Schulter zurück.&lt;br /&gt;
Statt einer Antwort winkt die junge Frau nur in Richtung Tür, ohne den Blick von ihrem Buch zu nehmen. Reden scheint nicht erwünscht zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cora betritt den Laden sehr zögerlich. So etwas – ja, was ist es eigentlich? Ein Lesecafé? Eine Leihbücherei? – jedenfalls hat sie so etwas hier nicht erwartet. Die Bücher sehen alle gebraucht aus, manche ziemlich zerfleddert. Im Regal stehen sie einigermaßen geordnet: zur Linken holländische Bücher („De Heksendochter“), daneben englischsprachige, Ken Follett im Original neben Charles Dickens; ein paar französische, ein Regalmeter spanische und daneben deutsche. &lt;br /&gt;
Cora ist zu verunsichert, um gezielt ein Buch zu wählen. Sie hält sich nicht einmal damit auf, die Titel auf den Buchrücken zu lesen – es ist ohnehin zu dunkel dazu; das einzige Licht kommt durch die offene Tür. Einfach irgendeines. Der gestrichelten, monochromen Umschlagzeichnung nach stammt es wahrscheinlich aus den Sechzigern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieder draußen, schlägt ihr die Sonne grell ins Gesicht. Das alte Ehepaar ist weggegangen; auf dem Tischchen liegen der zugeklappte Krimi und der Comic. Die junge Frau liest noch immer und zerbeißt dabei Nüsse. Cora setzt sich wieder an ihren Tisch. Sie hat das Buch kaum aufgeschlagen, als ein Kellner erscheint. Er erscheint wirklich wie aus dem Nichts: Durch die dunkle Tür in das Bücherzimmer ist er nicht gekommen; er muss außen herum gegangen sein. Der Kellner ist jung, schlaksig und schlurft mit tieftraurigem Gesichtsausdruck heran. Ohne ein Wort zu sprechen, stellt er vor Cora ein Likörglas mit einer roten Flüssigkeit und einen gefüllten Teller hin und kehrt ihr sofort wieder den Rücken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was soll das denn?« Cora schaut ihm verblüfft nach. Die junge Frau mit den Nüssen blickt amüsiert auf.&lt;br /&gt;
»Daran gewöhnt man sich. Hier können Sie nichts bestellen. Sie kriegen einfach irgendwas gebracht. Nehmen Sie ruhig, das passt schon.«&lt;br /&gt;
Cora schlägt das Buch auf: Es ist »Rebecca« von Daphne du Maurier. Ach, herrlich! Das hat sie schon immer mal lesen wollen. Sie greift nach dem Glas. Die rote Flüssigkeit erweist sich als angenehm herber Likör. Der Teller enthält Kirschpralinen. Vorsorglich rückt Cora mitsamt ihrem Tisch in den Schatten.&lt;br /&gt;
Und liest.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie soll man das nennen? Magie, oder Flow&lt;i&gt;&lt;/i&gt;? Eins ist sicher: Noch nie hat Cora so viel und so schnell gelesen. Am achten Tag ihres Aufenthalts hat sie schon fünf dicke Bücher verschlungen. Sie hat sich einen Zeitplan angewöhnt: Vormittags hat das Café geschlossen; Cora frühstückt in ihrem Apartment auf der Terrasse und hört dem Donnern des Meeres zu, geht danach Brot und Wasser kaufen und macht einen Spaziergang; zweimal rafft sie sich zu einer längeren Wanderung auf, aber der Höhepunkt des Tages ist der Besuch im Lesecafé. Am frühen Nachmittag. Es ist immer ein Stuhl für sie frei. Das Publikum wechselt; manchmal steht noch ein vierter Tisch da, der (gleichfalls wohl durch Magie) noch in dem winzigen Hof Platz findet; manchmal sitzen bis zu sieben Leute da – irgendwie reicht es immer für alle, das ist geradezu biblisch. Und immer ist noch ein Stuhl frei für Cora. Sie nimmt jeden Tag ein neues Buch. Es kann noch so dick sein, bis zum Abend hat sie es durch. Am zweiten Tag liest sie »Der Schatten des Windes« von Zafon. Der traurig dreinblickende Kellner bringt ihr eine Halbliterflasche Rotwein und ein Holzbrettchen mit knusprigem Brot, Serranoschinken und karamelisierten Zwiebeln, auf Holzspieße gesteckt – köstlich. Am dritten Tag greift sich Cora, die bei der Buchwahl noch immer nicht richtig hinsieht, einen Roman von Jane Austen und bekommt dazu einen Teller Ingwerkekse und eine Kanne mit erlesenem Tee von orangeroter Tönung. Am vierten Tag sucht Cora ihr Buch endlich gezielt aus und tut prompt einen Fehlgriff – der Autor ist ein skandinavischer Krimischreiber, der Krimi ein wichtigtuerisches Gestammel, und zu essen gibt es eine Riesenschüssel Kartoffelchips. Cora lässt beides halb bewältigt stehen und nimmt sich vor, die Auswahl am nächsten Tag wieder dem bewährten Zufall zu überlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zufall schenkt ihr den »Mantel« von Gogol, und Cora bibbert beim Lesen auf ihrem Stuhl, schlürft heiße Rassolnik-Suppe vom Löffel und isst Kartoffelbrot dazu. Die Suppe wärmt so angenehm – sie friert tatsächlich, so ohne Mantel! Am Morgen darauf hat sie zum ersten Mal das Gefühl, vielleicht doch nicht ganz das Richtige zu tun. Während sie auf ihrem Balkon frühstückt, brüllt das Meer lauter als je zuvor, und ein paarmal kommen vereinzelte Gischtspritzer über das Geländer geflogen. Der Kaffee schmeckt unangenehm – irgendwie nach Salz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An diesem Tag liest sie »Schöner Antonio«, einen Roman, der in Catania spielt. Es gibt dazu Sardinenröllchen mit einer Art Paste aus Weißbrotbröseln gefüllt, mit süßsaurer Soße übergossen, und dazu einen köstlichen Rotwein. Das Buch ist ausgesprochen erotisch, und der bewährte Zufall hat Cora diesmal in einer schattenlosen Ecke plaziert. Schwarzer Lavastaub bedeckt ihre Füße. Sie merkt kaum, wie mit dem Hereinbrechen des Abends eine feuchte Kühle über sie kriecht. Aber als sie das Buch endlich durch hat, ist ihr mulmig und schwankend zumute. Auf dem Balkon ihrer Wohnung stehen tiefe, salzige Meerwasserpfützen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch während sie am nächsten Morgen frühstückt – mit schwerem Kopf, obwohl sie nur zwei Glas Rotwein getrunken hat – meldet ihr Handy eine SMS. Sie stammt von Brigitte. Manchmal hat sie doch Netzverbindung, wenn auch nur minutenlang. Brigitte fragt besorgt: &lt;i&gt;Was ist los? Warum meldest Du Dich nicht? Bin gestern hergeflogen. Ferienhaus ist wieder offen. Du kannst jetzt kommen, bitte melde Dich. &lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der berühmte Albert ist also zurück und hat das Haus reuig wieder aufgeschlossen. Und Cora könnte jetzt, wie geplant, zu ihrer Freundin. Aber eigentlich will sie nicht mehr. Sie hat ohnehin nur noch vier Tage Zeit, die will sie mit Lesen verbringen. Kurz entschlossen drückt sie die SMS weg. Wenn Brigitte nachfragt, kann sie sich mit dem fehlenden Netz herausreden.&lt;br /&gt;
An diesem Tage schenkt ihr der Zufall ein Buch von Lovecraft. Der Kellner serviert dazu ein wässriges französisches Bier – als ob das spanische Bier nicht um Längen besser wäre – und ein ungenießbares Etwas in Pastetenform. Es ist Zunge in Aspik, total übersalzen. Selbst das Brot dazu schmeckt irgendwie salzig.&lt;br /&gt;
So kann es nicht weitergehen, auch wenn der Lovecraft durchaus spannend ist: geheimnisvolle glibberige Urzeitwesen, Schlamm, Tentakel und hohle Stimmen aus dem Nichts. Am Abend steht Coras Balkon fast ganz unter Wasser. Sie geht zu Benito in die Taverne hinunter und versucht ihm die Situation zu erklären. Er lacht mit viel zu vielen Zähnen und stellt ein Glas Palmwein vor sie hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Morgen darauf zieht Cora aus. Es geht wirklich nicht mehr, im Wohnzimmer stehen Pfützen, selbst das Wasser aus der Leitung hat Salzgeschmack. Sie lässt Benito ein großzügiges Trinkgeld da und geht ein letztes Mal zum Lesecafé. Es ist noch geschlossen. Die Tische und Stühle stehen zusammengeklappt. Cora fällt ein, dass sie nicht ein einziges Mal fürs Lesen und Essen bezahlt hat. Sie faltet einen Fünfziger zusammen und schiebt ihn unter der Tür durch.&lt;br /&gt;
Ihren Rollenkoffer hinter sich herziehend, überschreitet sie die verbrannte Schneise und steigt zur Bushaltestelle hinauf. Der Bus kommt nach fünf Minuten. Wieder fällt ihr ein, dass sie nicht ein einziges Mal versucht hat, einfach auf den Bus zu warten. Sie hat das Gewirr auf dem Fahrplan zur Kenntnis genommen und den Rücken gekehrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt sitzt sie mit ihrem Trolley auf einem Fensterplatz und verlässt das enge Tal, fährt vorbei an Bananenplantagen und Palmenhainen auf die Stadt San Pedro zu. Dort gibt es Läden, hat Brigitte behauptet, und Kneipen und Nachtleben. Als erstes wird sie sich ein paar Souvenirs kaufen, nimmt sich Cora vor. Palmenhonig in Flaschen. Lavasteine. Und Bücher, denkt sie, und sieht den Buchladen im Flughafen vor sich. Bücher kaufen, und dann ins Flugzeug, und wieder abheben, egal wohin. &lt;i&gt;Gestern nacht träumte ich, ich sei wieder in Manderley...&lt;/i&gt;</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Cora auf Reisen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2010 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2010-11-28T21:15:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/235548983/">
    <title>...</title>
    <link>http://annarinnschad.twoday.net/stories/235548983/</link>
    <description>Gleich hinter der Tür zum Garten war ein brauner Fleck auf dem Rasen. Ein ungefähr tellergroßer Fleck, auf dem nichts mehr wachsen wollte; das Gras schlaff und faulig, wie abgestorben. Der Hund war ein paar Schritte weit in den überwucherten Garten hinausgelaufen und kläffte auffordernd.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja. Guter Hund. Na los, komm her.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Hund tänzelte aufgeregt umher, kam aber keinen Schritt näher. Der Mann rief noch einmal halbherzig, dann trat er von der Tür zurück und setzte sich in einen Stuhl, weil die Knie plötzlich unter ihm nachgaben. Nicht einmal zu einem richtigen Ärger war er mehr imstande. Dieser Garten, der jetzt im Juni brannte wie eine Fackel; der aufgeregte Hund: Alles brachte ihn auf. Der Hund hatte Schlappohren und einen kurzen, gerollten Schwanz. Unter dem rauen Fell vibrierten die Sehnen in seinen Gliedmaßen wie Klaviersaiten. Der Ärger über den Hund war wie ein kleiner, fest geballter Knoten in der Brust des Mannes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Hund stand, von ihm abgewandt, mit zitternden Beinen auf der Wiese und bellte wie rasend etwas Unsichtbares im Garten an. Der Garten war so zugewuchert, dass alles Mögliche darin versteckt sein konnte. Das Summen unzähliger Bienen und Hummeln fügte sich zusammen zu einem leise dröhnenden Basston, der so lästig war wie Ohrensausen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Mann ging in die Küche, um sich Kaffee zu kochen. Das ist nicht mein Haus, dachte er und rührte in dem verstopften Filter. Nicht mein Hund, nicht mein Garten. Ich bin hier nur zu Besuch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Haus war alt. Erst hatten seine Eltern hier gewohnt, dann sein Bruder. Seit der Mann von seiner Krankheit wusste, war er überzeugt gewesen, er werde als erster sterben. Nun war er als letzter übrig. Das kam ihm wie ein schlechter Streich vor; als ob das Leben ihm eine lange Nase drehte. Er hatte das Haus nehmen müssen und mit dem Haus den Hund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Mann holte seine Kaffeetasse, setzte sich auf das schäbige Sofa und schaute durch die offen stehende Hintertür auf den Garten hinaus. Der Hund war plötzlich verstummt, ging in die Hocke und kackte ins Gras, den Blick gemütsruhig in den Himmel gerichtet, als sei nichts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Mann verbrannte sich die Zunge am heißen Kaffee und ruhte sich einen Augenblick auf dem kleinen Schmerz aus, der dem Stechen in seiner Brust die Schärfe nahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist ein feiner, freundlicher Hund«, sagte die Tierärztin. »Er wird Ihnen keinen Ärger machen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie alt er wohl sein mag, überlegte der Mann. Fünf Jahre? Oder mehr? Er wusste es nicht genau. Es war ihm peinlich, die Tierärztin zu fragen. »Ein Hundejahr sind sieben Menschenjahre«, sagte er stattdessen. »Wie konnte er meinen Bruder überleben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Tierärztin warf ihm einen kurzen Blick zu, mit gefurchten Brauen, als zweifle sie an seinem Verstand. »Wie kann man wissen, wer zuerst gehen muss?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie war um die dreißig und hatte eine sehnige und gleichsam gespannte Figur, ganz ähnlich wie der Hund. Vielleicht lag auch unter ihrer Haut, wenn man sie berührte, eine geheime Vibration von sprungbereiter Energie. Sie legte dem Hund die Hände an die Flanken und tastete routiniert seinen Leib ab. »Wir lassen ihn eine Wurmkur machen«, schlug sie vor. »Die Rechnung eins zu sieben wird bei ihm übrigens nicht aufgehen. Er hat einen Herzfehler und wird nicht alt werden. Das wissen Sie ja sicher.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte es nicht gewusst. Und von da an beobachtete er den Hund mit Aufmerksamkeit. Die ersten kurzen grauen Haare um die Schnauze. (Werden Hunde grau? Oder war das Grau schon immer im Fell gewesen?) Der unsichere Gang, wenn sich der Hund über das glatte Parkett bewegte. Das Mienenspiel, wenn er seinen vollen Futternapf betrachtete. Die starken weißen Zähne. (Die spitzen an der Seite waren etwas gelblich.) Der gesträubte Schwanz, wenn der Hund vor dem braunen Fleck auf dem Rasen stand und bellte. Da musste jemand Salz ausgestreut haben, dachte er plötzlich. Vielleicht über eine Nacktschnecke? In feuchten, warmen Jahren gab es manchmal eine Schneckeninvasion. Wer sich zu sehr ekelte, die hässlichen fetten Würmer auf die Schaufel zu nehmen und über den Zaun zu werfen, der streute Salz darüber aus. Die Schnecke schrumpfte und schleimte und starb. Wie lange mochte das dauern? Sekunden, Minuten oder länger? Das Gemisch aus Salz und Schleim hinterließ einen braunen Fleck im Rasen. Ja. Tot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er verabreichte dem Hund die verschriebenen Medikamente, indem er ihm die Kapseln tief in die Schnauze schob und sie dann mit einer Hand zusammendrückte, bis der Hund geschluckt hatte. Der Hund gehorchte mit ernster Miene, als sei er sich bewusst, wie wichtig das war. Ich kann es vielleicht noch zwei Jahre machen, dachte der Mann. Es ist nicht wahrscheinlich, aber möglich. Der Hund wird nicht alt werden. Er hat einen Herzfehler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich kann es schaffen, dachte er, nahm die Hundeleine vom Garderobenhaken und verordnete sich selbst und dem Hund einen Marsch rund um den Block. Der Hund lief kreuz und quer über Bürgersteig und Straße, schnupperte überall herum, hob das Bein und pisste gegen die Laternenpfosten. Vorher war sein Bruder hier gegangen. Mit dem Hund. Hatte die Leine in die Tasche gesteckt. Und geduldig gewartet, während der Hund sein Revier markierte. Eines Tages, dachte er, wird einer von uns umfallen und hilflos auf dem Bürgersteig liegen. Entweder ich oder der Hund. Wenn ich es bin, wird er mich beißen. (Er stellte sich die Zähne vor. Die gelblichen spitzen an der Seite. Wie sie sich in ihn bohrten. Da hinein, wo der Schmerz saß. Wo der kleine, fest geballte Knoten hockte.) Etwas riss in seinem Inneren. Er verharrte einen Augenblick, die Hand auf den Bauch gepresst. Der Hund wandte den Kopf und blickte ihn an. Nein. Noch nicht.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Mann mit Hund</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2013 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2013-02-01T22:58:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/1022683423/">
    <title>...</title>
    <link>http://annarinnschad.twoday.net/stories/1022683423/</link>
    <description>Er hat &quot;Ulysses&quot; in vierundzwanzig Stunden gelesen, behauptet er. Wovon es handelt, hat er nicht mitbekommen. Er war mit Lesen beschäftigt. Sich in der kurzen Zeit noch mit dem Wortsinn auseinanderzusetzen, überstieg seine Fähigkeiten. Aber die. Worte. Jedes Wort. Gelesen. Jedes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentauren, Komposita, singen am lautesten. Hochzeitsdatum: schwingt sich in die Lüfte, weit mehr als &quot;Hochzeit&quot; allein. Kindertage sind lang und fallend, noch länger und fallender ist die Wendung &quot;Seit Kindertagen&quot;. Politikverdrossenheit ist etwas, was man auf Fingerspitzen trägt, um es schließlich in den Dreck zu werfen. Erzählung schwingt sich weit nach außen, lässt aber den Endpunkt ahnen. Nacherzählung ist hingegen eine langweilige Angelegenheit, quasi durchs Fenster beobachtet. Noch langweiliger ist das Wort Angelegenheit. Das macht sich breit und quer, ohne eine Spur von Tiefe, es liegt einfach nur im Weg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fremdwörter haben keine Farbe, behauptet Bettina und gibt als Beispiel das Wort &quot;stringent&quot; an. Ich finde schon, dass stringent eine Farbe hat. Es ist ein zitronengelber Federstrich, mit so eng geschraubter Feder, dass die Tinte spritzt. Operette, das sind zwanzig Tischtennisbälle in einem Beutel, die leicht gegeneinander rappeln. Oper ist ein einziger Medizinball. Synästhetik: klingt irgendwie unanständig, ebenso wie Ästhetik oder Ästhet. Ich dachte früher, ein Ästhet sei so eine Art Sittenstrolch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Prinz: ein Punkt oder vielmehr ein winziger Kringel. Campari: eine gerade Linie, mit einem Planscher in der Mitte, als ob man in eine Pfütze tritt. Dimension: hat einen schönen Schwung nach oben ins Ungewisse. Das Wort Rührkeule, das ich kürzlich kennen gelernt habe (es war der Titel einer Kurzgeschichte), ist klanglich ein Widerspruch in sich; es klingt wie ein Stampfer, der auf Zehenspitzen daher kommt. Dirigent ist leicht und luftig; man muss ihm nicht gehorchen, aber man macht es gern. Dirigat klingt schon erheblich strenger, da lauert die Peitsche im Hintergrund. Taten, egal ob gute oder schlechte Taten, sind immer etwas in die Luft Geworfenes, das noch keine Erdung gefunden hat. Taten - ein Schlag ans Hoftor und auf das Echo warten. Verona ist weich und sanft, Piemont in die Landschaft gestochen, Venedig und Neapel schweifen aufs Meer hinaus. Stockholm war auf dem Meer und kam wieder zurück. Helsinki ist nicht zu trauen. Der schönste Städtename ist St. Petersburg: Das schwebt so kompakt in der Luft wie das Eiland Laputa. (Apropos: Eiland ist ein geniales Wort; es ist klein und schwimmend und trotzdem etwas Festes im Dunst.) Leningrad klingt demgegenüber viel sachlicher, aber dieses &quot;-grad&quot; impliziert ein in die Luft geworfenes Lasso. (Das gilt auch für Stalingrad, unseligen Angedenkens.) Prag ist eine Münze im Schnee, Wien ein Sahnetuff, Barcelona eine Perlenkette, Toledo ein stolzer Obsidian. Kartoffel ist eine Spirale, Apfel der Schöpfungsmorgen, Wirsing eine Milchglasscheibe in den Herbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wovon handelt das Buch? Hab ich nicht mitbekommen. Aber &quot;Buch&quot; hat Tiefe. Ein schmaler Alkoven mit einem Guckloch ins Dunkle, wie ein Fernglas, das man umgekehrt ans Auge hält.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Wortgesang</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2021 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2021-04-23T21:05:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/3335958/">
    <title>»Mir gegenüber in der U-Bahn liest eine Frau die Labyrinthe von Borges. Ich möchte...</title>
    <link>http://annarinnschad.twoday.net/stories/3335958/</link>
    <description>&lt;img width=&quot;250&quot; alt=&quot;nerja&quot; title=&quot;&quot; src=&quot;https://static.twoday.net/annarinnschad/images/nerja.jpg&quot; height=&quot;200&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;»Mir gegenüber in der U-Bahn liest eine Frau die Labyrinthe von Borges. Ich möchte ihr etwas zurufen, ihr zuwinken und signalisieren, dass ich demselben Credo anhänge.«&lt;br /&gt;
(Alberto Manguel)&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr habt mir&lt;br /&gt;
das wichtigste&lt;br /&gt;
verschwiegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
das bedrohliche rauschen einer springflut im frühling. nachts.&lt;br /&gt;
ein hauch algengrün auf einem balkongeländer, im morgennebel gesehen. ein verlassenes spinnennetz, von tauperlen bedeckt.&lt;br /&gt;
der schlag einer nachtigall am flussufer.&lt;br /&gt;
die von vielen händen blank gescheuerte haltekette am beginn der hängebrücke. der mann, der mir auf halber strecke entgegen kommt, unsicheren schritts auf schwankenden brettern, das gesicht verbrannt, die augen grell.&lt;br /&gt;
die rundgeschliffenen kiesel auf dem grund des flusses.&lt;br /&gt;
in der ferne ein zaun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
worte.&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;small&gt;Leseproben zum Anklicken in der Liste rechts. &lt;br /&gt;
Was nicht als &quot;Romankapitel&quot; gekennzeichnet ist, ist ein abgeschlossener Text.&lt;br /&gt;
Alle Rechte bei der Autorin.&lt;br /&gt;
Kontakt: annarinnschad [at] web [punkt] de &lt;/small&gt;&lt;/b&gt;&lt;/b&gt;&lt;/b&gt;</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2007-02-18T18:00:00Z</dc:date>
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    <title>...</title>
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    <description>»Ich habe ein Geschenk für dich«, sagte Dora am Telefon, »heute beim Versand bestellt. Vielleicht kommt es morgen schon an.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was dann kam, war ein dicker Brief mit einer Besitzurkunde für ein Grundstück – ausgestellt von der Lunar Embassy in Kalifornien. Ein Grundstück auf dem Mond. Dem Brief war eine topographische Mondkarte beigelegt. Ein winziges Viereck war markiert: Sein Grundstück auf dem Mond. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dora kam erst ein paar Tage später nach Hause. Am Abend gingen sie zusammen auf den Balkon, und Dora zeigte in den Nachthimmel. »Siehst du den dunklen Fleck links  neben dem großen Schatten? Da muss es ungefähr sein. Wir könnten einen Bungalow bauen mit Garten und Mondzwiebeln ziehen. Vielleicht kommt der Mann im Mond zu Besuch …«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schaute sie von der Seite an. Nach acht Jahren Ehe war ihr Gesicht noch immer glatt und zart wie das eines jungen Mädchens. »Und wie war dein Besuch?«, fragte er. »Wie geht es deiner Mutter?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie hob die Schultern. »Immer dasselbe. Sie sagt, dass sie sich freut, wenn ich da bin, aber dann kritisiert sie ständig an mir herum. Diesmal habe ich zu allem Unglück den Staubsauger kaputt gemacht.« Sie lachte kopfschüttelnd. »Mama hätte mich beinahe rausgeschmissen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn er nach Hause kam, steckte er oft zunächst den falschen Schlüssel ins Schloss. Es waren nur drei Schlüssel am Ring, trotzdem kam ihm stets als erstes ein falscher in die Finger. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Mantel an den Haken, die Aktentasche auf einen Stuhl. Auf den Fensterbänken hatte Dora Blumentöpfe aufgestellt, dazwischen lagen Muscheln, bunte Steine und allerlei Krimskrams. Alles war blank poliert und glänzte. Er schaute hinaus und erkannte den blassen Dreiviertelmond am Himmel, obwohl es noch taghell war. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seufzend nahm er seine Papiere aus der Aktentasche und breitete sie auf dem Tisch aus. Er griff nach dem Kugelschreiber und konzentrierte sich auf seinen Artikel über ein astronomisches Lehrmodell, der schnellstens fertig geschrieben werden musste. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Überträgt man das Sonnensystem auf die Verhältnisse unseres Modells«, schrieb er, »so stellen wir uns die Sonne als Ball von 1,39 Meter Durchmesser vor ...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht jeder hatte einen Zweitwohnsitz auf dem Mond. Dora dachte schon längst nicht mehr daran; jetzt hatte sie begonnen, Socken für ihn zu stricken. Er hatte keine Lust, ihr einzugestehen, dass er Wollsocken hasste. Die Besitzurkunde hatte er sorgfältig bei seinen persönlichen Unterlagen abgeheftet. Manchmal bekam Dora Anfälle von Putzwut und warf wichtige Dinge weg. Deshalb hatte er den Aktenordner mit schwarzem Filzstift markiert. »Achtung! Dies alles wird noch GEBRAUCHT!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war beim Merkur angelangt.  »Nur 58 Meter Luftlinie von dem Sonnenmodell entfernt kreiselt der winzige Merkur in 88 Tagen um die Sonne ...« Ein Schlüssel drehte sich im Schloss – Dora fand immer sofort den richtigen – und einen Augenblick später rief ihre helle sanfte Stimme: »Bist du da? Ich habe etwas für dich!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie immer. Er legte den Kugelschreiber hin. »Ich bin hier. Wie war dein Tag?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwungvoll kam sie ins Zimmer und brachte einen Schwall frischer Luft mit. »Hier, sieh mal.« Noch in Mantel und Schal ließ sie zwei kleine Kugeln vor ihn auf den Tisch hinrollen. »Die hab ich aus dem neuen Laden, du weißt doch, dem mit den Salzsteinlampen im Schaufenster.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und was ist das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es ist vulkanisches Gestein. Du musst in jede Hand eine Kugel nehmen und versuchen zu erfühlen, welche Kugel in welche Hand gehört. Es gibt immer eine linke und eine rechte Kugel, das kann man genau spüren, wenn man sich konzentriert. Versuch es mal.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er nahm die beiden Brocken auf und schloss die Hände zu Fäusten, während sie hastig anfügte: »Und, entschuldige, ich habe die Theaterkarten vergessen. War schon halb auf dem Heimweg, als es mir wieder einfiel. Aber die können wir ja auch morgen an der Abendkasse abholen, oder?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sicher.« Das bedeutete, dass sie eine Dreiviertelstunde eher losfahren und an der Theaterkasse Schlange stehen mussten. Weil sie es verschusselt hatte, einen Umweg von fünf Minuten über das Kartenbüro zu machen. Er versuchte, sich auf die Kugeln zu konzentrieren, und verglich das Gefühl in der linken Hand mit dem in der rechten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dora warf einen Blick auf seinen Artikel. »Immer noch Astronomie? Möchtest du ein Stück Bienenstich? Ich habe welchen mitgebracht.« Sie verschwand in der Küche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er betastete die Gesteinsbrocken mit geschlossenen Augen. Sie fühlten sich völlig gleich an. »Du, hast du den Brief an die Redaktion in Kassel eingeworfen?«, rief er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stille. Er schlug die Augen auf. Da stand sie in der Küchentür und sah ihn erschrocken an. »Welchen Brief?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Den an die Redaktion. Mit dem Artikel über die Venus.« Er spürte, wie sein Rückgrat sich versteifte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie hob die Hand an ihr Kinn. »O Gott, das habe ich vergessen. Tut mir Leid. Oh, das tut mir echt Leid.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Herrgott, Dora.« Seine Fäuste ballten sich fester. »Das war eine Terminsache!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Warum schickst du es nicht jetzt hin, per Mail?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weil die keine Einsendungen per Mail wollen. Sie wollen Ausdrucke mit der ganz normalen Post. Und morgen ist Ablieferungstermin. Das ist kein Wochenblättchen,  Dora, es ist die größte Astronomiezeitschrift in Europa! Es ist die dritte Folge meiner Artikelserie, du weißt doch, wie wichtig das ist!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In ihre Augen traten Tränen. »Es tut mir furchtbar Leid, ich hab es einfach vergessen. Soll ich noch einmal losgehen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Heute werden die Briefkästen nicht mehr geleert! Es ist gleich acht!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Willst du nicht doch ein Stück Bienenstich?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wurde laut: »Ich will KEINEN Bienenstich!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dora zog sich mit gesenktem Kopf in die Küche zurück. Er saß reglos am Tisch, die Fäuste noch immer mit aller Kraft um die Zwillingssteine geballt. Mit einemmal knackte es, die Kugel ging zu Bruch. Die Außenschicht war dünn wie Eierschalen und feiner Sand rieselte heraus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entmutigt wischte er die Hand an der Hose ab. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über dem Tisch baumelte ein Traumfänger und bewegte sich sachte hin und her. Er war aus Wolle auf einen Drahtring gewebt und mit Federn und Perlen geschmückt. Dora hatte ihn selbst gemacht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt wirtschaftete sie in der Küche herum und räumte ihre Einkäufe in den Kühlschrank. Er schloss die Augen und stellte sich ihr Gesicht vor: Sie hatte dunkle Augen, eine runde Stirn wie ein Kind, und ihre Augenbrauen waren so weich wie Mottenflügel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So eilig, wie er behauptet hatte, war der Brief gar nicht. Auf einen Tag kam es nicht an. Aber warum verschusselte sie immer alles?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich passe nicht in diese Welt«, bemerkte sie manchmal mit verlegenem Lachen, »mein Kopf ist in den Wolken.« Sogar beim Kochen machte sie alberne Fehler, über die sie gemeinsam Witze machten: Halbrohe Kartoffeln galten als »medium« und was versalzen war, nannten sie einfach »bretonisch«. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hörte die Wohnungstür klappen. Wahrscheinlich ging sie nun doch noch zum Briefkasten – aus Angst, den Brief morgen wieder zu vergessen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leise öffnete er die Küchentür. Dora hatte auf dem Tisch einen Kuchen¬teller für ihn bereitgestellt, mit einem großen Stück Sahnekuchen darauf. Neben dem Teller warteten die Kuchengabel und eine blaue Papierserviette, die zu einer Blüte gefaltet war. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gedankenverloren nahm er sie in die Hand und zog sie auseinander. Ein paar winzige Sterne aus Goldpapier rieselten über den Tisch. Auf der Serviette leuchtete ein Lippenstiftkuss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O Dora«, sagte er leise. »Dora, Dora, Dora.« Er legte die Serviette auf den Tisch und öffnete das Küchenfenster. Ein kühler Abendhauch wehte herein. Sein Blick suchte die beinahe volle Mondscheibe, den großen Schatten auf der Oberfläche, den dunklen Fleck links daneben. Minutenlang schaute er reglos hinauf. Dann hörte er ihren Schlüssel in der Wohnungstür. Er schloss das Fenster und nahm die Kuchengabel in die Hand.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Fluchtpunkt</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2021 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2021-03-28T23:18:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/1022682892/">
    <title>I.

Es gibt so viele verschiedene Arten von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht...</title>
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    <description>&lt;b&gt;I.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Es gibt so viele verschiedene Arten von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste davon ...&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sagte es vor sich hin, erst in Gedanken, dann halblaut. Endlich schüttelte er lachend den Kopf. »Hey, hör dir das an«, rief er. Da keine Antwort kam, schob er einen Finger als Lesezeichen in das Buch und stand auf, um durch die schmale Tür zu schauen. »Mona, bist du da?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stille. Er ging die drei Schritte aus seinem Schlafraum in die kombinierte Wohn-Essküche. Der Wohnwagen war lang und schmal gebaut; ihm war, als zwängte er sich durch einen Schlauch. Bis auf eine zerfledderte Zeitung auf der Eckbank war alles tadellos aufgeräumt. Von Mona keine Spur. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mona? Mona!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schaute durch die geöffnete Tür auf den Vorplatz. Die vier Plastikstühle rund um den weißen Tisch waren leer. Sein blauer Golf stand mit der Schnauze in der Ligusterhecke, die die Wohnwagenparzelle abschloss. Mona konnte nicht weit sein. Gleich darauf sah er sie: Sie kniete vorn an der Hecke, beinahe schon im Nachbarstellplatz, und kraulte einen wuscheligen kleinen Hund, der im Schatten lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kam der Hund her? Hier waren doch Hunde verboten. Bevor er den Wohnwagen mietete, hatte er sich genau informiert: Hundegebell ging ihm von jeher auf den Geist. Joachim legte das Buch weg und kehrte in sein Kabuff zurück. Seine Fachbücher und Notizzettel lagen auf der unteren Etage des schmalen Stockbetts verstreut. Das Notebook stand aufgeklappt auf dem kleinen Tisch unter dem Fenster. Summend pustete es heiße Luft in den winzigen Raum. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis gestern hatte er die ersten vier Kapitel seines Aufsatzes einmal durchgesehen, seit heute morgen schrieb er das fünfte. »Die radikalen Mitglieder unserer Gesellschaft«, stand auf dem Bildschirm, »begrüßen außerirdische Besucher, die sie als Exilanten ansehen. Damit legitimieren sie ihre eigene Existenz am Rand der Gesellschaft ...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Ende der Zeile blinkte auffordernd der Cursor. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hast du mich gerufen? Was gibt’s?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joachim drehte sich um. Mona war hereingekommen und stand im Küchenbereich. Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, weil sie das Licht im Rücken hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich wollte dir was vorlesen«, sagte er geistesabwesend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was denn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weiß nicht mehr.« Seine Rechte schloss sich um die Maus, die sich angenehm der Handform anpasste. Er betrachtete den Text auf dem Bildschirm und rollte ihn zwei Absätze zurück. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mona setzte sich auf die Eckbank und begann die Zeitung zusammenzuklauben. »Unsere Nachbarn haben neuerdings einen Hund. Henry heißt er. Schon gesehen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich dachte, hier sind Hunde verboten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Man hat eine Ausnahme gemacht, weil der Hund aus dem Tierheim ist. Morgen reisen sie ohnehin ab. Der Hund ist wirklich süß und überhaupt nicht verstört. Wie ein richtiger Familienhund.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joachim kehrte ans Ende seines Textes zurück und schrieb: »Die Hoffnung, dass etwas Komplexes dahinterliegt ...« Dann nahm er wieder die Hände von den Tasten. »Warum sollte der Hund verstört sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weil er ausgesetzt war. Sie haben ihn aus dem Tierheim.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aus welchem Tierheim denn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dem hier gleich nebenan. Sag mal, weißt du nicht, dass im Wald ein Tierheim ist? Du hast wirklich den Kopf in den Wolken.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich laufe nicht im Wald herum, das weißt du doch. Ich muss schreiben, am Monatsende ist Ablieferungstermin und ich habe …«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du brauchst nicht gleich sauer zu werden. Es ist gar nicht weit von hier, na ja, eine halbe Stunde Fußmarsch vielleicht …« Mona verstummte plötzlich, als sei sie nicht mehr sicher, wo das Tierheim war. Joachim sagte nichts. Diskussionen über etwas, was im Wald zu sehen gab, endeten regelmäßig mit Monas Aufforderung, ihre Joggingrunden mitzumachen. Dazu hatte er keine Lust mehr. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Hoffnung, dass etwas Komplexes dahinterliegt ...« Er hatte die Finger schon wieder auf der Tastatur, als blitzartig etwas in seinem Kopf auftauchte – das Bild einer Ansammlung von Wellblechhütten und Vierecken aus Zaundraht, wie ein Behelfsquartier für Obdachlose. Am Zaun hingen Schilder mit Hilferufen in mehreren Sprachen: &lt;i&gt;Bitte helfen Sie uns mit einer Spende. &lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seltsam, seine Vorstellung von dem Ort war verschwommen, das Bild vor seinem inneren Auge gleichsam an den Rändern ausgefranst – doch die Atmosphäre von Bedrückung und Armut war überdeutlich. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich fahre nachher noch mal weg«, sagte Mona. »Im Dorf ist dieses Wochenende Sommerfest. Das soll schön sein, mit Live-Musik ... Das Auto brauch ich nicht, ich werde mir ein Fahrrad mieten bis morgen früh. Dann kann ich auch mal ein, zwei Bier trinken, weißt du.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieso baute man ein Tierheim im Wald? Rundum sah er Birken mit funkelndem Laub und eine Hecke. Doch woher wusste er das, wo er das Tierheim nie gesehen hatte? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hatte sie &lt;i&gt;Fahrrad&lt;/i&gt; gesagt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du willst doch nicht etwa nachts allein durch die Gegend radeln?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mona lachte. »Hast du Angst um mich?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kam ihm nicht zu, ihr Vorschriften zu machen. Mona war weder seine Frau noch seine Freundin und konnte tun, was sie wollte. Er schwieg und betastete mit nervösen Fingern die Maus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich komme auf jeden Fall heute Nacht noch zurück«, sagte sie versöhnlich. &lt;br /&gt;
»Wahrscheinlich so um Mitternacht herum. Du schreibst ja sowieso ohne Pause bis in die Puppen; wenn du so lange aufbleibst, trinken wir noch was zusammen.« Sie sprach freundlich, doch er fühlte ihren Spott. »Mach dir keine Gedanken, ich komme schon klar«, murmelte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das glaub ich eher nicht. Wenn ich nicht da bin, dann vergisst du doch Essen, Trinken und Schlafen, Joachim. Du sitzt nur vor dem Notebook, bis du viereckige Augen hast.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kann sein.« Er versuchte mitzulachen. »Aber du musst zugeben, dass du auch kein schlechtes Geschäft dabei machst. Schließlich zahle ich alles hier. Die Wohnwagenmiete, das Auto …« &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hu-hu.« Sie hob die rechte Hand und rieb mit spöttischer Miene die Finger gegeneinander. »Mr. Rich spricht. Na gut. Du bist zum Arbeiten hergekommen, ich zum Ausspannen. Und deshalb gehe ich auf das Dorffest. Wenn du bis Mitternacht weitertippst, sehen wir uns wieder; wenn nicht, dann halt morgen früh. Dann mache ich dir ein fürstliches Frühstück. Um meinen Teil der Abmachung einzuhalten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wusste nichts zu antworten. Sie hatte ja recht. Er legte die Hände wieder auf die Tasten, um zu schreiben: »Wir scheinen zu wissen, dass wir in einer Sinnkrise und gleichzeitigen moralischen Krise stecken, und wir sind bereit, eine Menge zu riskieren, wenn wir …« Etwas schob sich zwischen ihn und den Text. Es war das Tierheim. &lt;i&gt;Bitte helfen Sie uns mit einer Spende. &lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mona begann im gleichen Augenblick verhalten: »Dieses Tierheim haben sie bestimmt deshalb in den Wald gebaut, weil die Hunde so laut sind. Verlassene Hunde bellen ständig.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wandte sich um und betrachtete ihren kurzen, dunkel glänzenden Haarschopf, die gebräunten Schultern unter dem ärmellosen Top, die grünen, goldgesprenkelten Augen. Wenn sie ihn scharf ansah, fühlte er sich immer unangenehm auf dem Prüfstand. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir können ja mal hingehen und eine Spende einzahlen«, schlug er vor und formulierte in Gedanken weiter: wenn ich mit diesem Artikel fertig bin, was Unsinn war, denn in den zwei verbleibenden Urlaubswochen würde er diesen Riesenaufsatz nicht fertig stellen können. Trotzdem hatte er sich angewöhnt, diesen Nebensatz an alles anzuhängen, was er seit langem aufschob: zum Friseur gehen, mehr für die Gesundheit tun, seine Wohnung mal wieder gründlich putzen,&lt;i&gt; wenn ich mit dem Artikel fertig bin.&lt;/i&gt; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Also wenn du Rad fährst, dann sei vorsichtig«, sagte er mühsam. »Und die Bäume …«, er brach ab, unfähig, den Gedanken zu Ende zu führen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nebenan bellte der Hund. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gelang ihm, drei Stunden an der Arbeit zu bleiben. Das winzige Wohnwagenfenster über seinem behelfsmäßigen Arbeitstisch war angekippt, und wenn er hochschaute, sah er eine weitere Ligusterhecke – die hinter dem Wohnwagen – und die anschließende Parzelle mit einem kleinen, alten Caravan. Dort wohnte eine Frau, etwa Mitte Vierzig, klein und rund und mit einer Wolke krausen Haares. Wenn sie zum Sonnenbaden herauskam, trug sie meistens einen pinkfarbenen Babydoll, der einfach peinlich aussah. Sie saß fast jeden Tag im Liegestuhl, las Zeitschriften und futterte Schokoladenkekse – vermutlich frustriert, diagnostizierte Joachim und vergaß sie sofort wieder. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter der Parzelle, in der die Fremde wohnte, begann der Wald, und über diesen Wald dachte er nicht gern nach. Vom Campingplatz aus sah man hauptsächlich lichte Buchen mit samtartiger Rinde. In den Morgenstunden hüpften Eichhörnchen im Geäst herum. Das wirkte freundlich. Doch hinter dem Rahmen aus harmlosen Bäumen verbarg sich abweisender Wildwuchs. In den ersten Tagen ihres Aufenthalts hatte er ein paarmal Monas Waldläufe mitgemacht. Es war eine Katastrophe. Hier gab es keine gepflegten, mit Kies oder Sand bestreuten Fußwege wie zu Hause, sondern nur Trampelpfade. Manchmal verlief sich die Schneise im Nichts, man kämpfte sich noch zehn Meter weit durch bösartiges Brombeergebüsch und machte sich endlich gedemütigt auf den Rückweg. Es gab Gruppenpflanzungen niedriger Tannen und Fichten, die so dicht standen, dass die Äste sich ineinander verhakten, und uralte Kastanienhaine, in denen jedes Geräusch einen gespenstischen Nachhall hervorrief. Umgestürzte Stämme mussten überklettert werden, tückische Zweige schnellten einem plötzlich ins Gesicht. Bei ihrem dritten gemeinsamen Lauf hatte er sich den Knöchel verknackst. Von da an ließ er Mona allein losziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Warum pflegen die ihren Wald nicht ein bisschen?«, hatte er empört gefragt. »Wenn im Prospekt steht, der Campingplatz grenzt an einen Wald, dann erwarte ich einen begehbaren Wald. Das hier ist eine Mischung aus Amazonasdschungel und Tunguska!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach Joachim«, hatte Mona gelacht, »man ist hier halt nicht so ordentlich wie zu Hause in Deutschland! Wozu gehst du überhaupt auf Reisen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist mir jedenfalls zu mühsam«, erwiderte er. »Lauf du mal ruhig allein. Ich brauche meine Kraft zum Schreiben. Dazu bin ich nämlich hergekommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von da an blieb er also im Wohnwagen und schrieb an seinem Artikel, und Mona verschwand stundenlang. Für seine Arbeit interessierte sie sich kaum. Er hatte ihr natürlich erklärt, worum es ging, aber sie las nur Romane. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joachim schrieb, bis die Dämmerung hereinbrach. Um weiterzuarbeiten, hätte er Licht machen müssen, und das verbot sich von selbst, weil dann massenweise Motten durch das Fenster kamen. Er schaltete den Computer auf Standby und stieg die zwei Stufen aus dem Wohnwagen hinunter. Am Himmel hing ein blasser Dreiviertelmond. Mona war sicher längst zu ihrem Dorffest aufgebrochen; es musste nach neun Uhr sein. Sonst war sie um diese Zeit immer da, aß mit ihm Abendbrot, und meistens tranken sie zusammen noch ein paar Gläser Wein. Das war die schönste Zeit des Tages – die Arbeit war unterbrochen, ein weiterer Tag Arbeit stand bevor, und Mona saß in ihrem Plastikstuhl, den Kopf in den Nacken gelegt, erzählte Geschichten über andere Camper, die sie kennen gelernt hatte oder schwieg einfach und schaute zu den Sternen hinauf. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wald drängte sich an die Nachbarparzelle und hauchte ihm kalte Nachtluft entgegen. Die vorderen Bäume waren klar zu erkennen; die Stämme schimmerten silbern im Mondlicht. Doch gleich dahinter war Schwärze. »Nichts ist so schwarz wie ein dichter Wald bei Nacht«, dachte er und lachte kurz, weil ihm das Zitat über die Gescheitheit wieder in den Sinn kam. Jetzt hätte er sich gern ein wenig mit der ältlichen Nachbarin unterhalten, doch in ihrem Wohnwagen brannte kein Licht. Das ganze Camp lag im Dunkeln. Der kleine Hund ließ sich nicht mehr hören. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, dann eben nicht«, sagte Joachim laut zu sich selbst und schrieb den Abend als verloren ab. Er ging in den Caravan zurück und machte sich zwei belegte Brote zum Abendessen. Die Stille fiel ihm auf die Nerven, und so schaltete er den winzigen Fernseher ein, der über der Eckbank an einem Deckenregal hing. Es gab einen Horrorfilm mit vielen Gräbern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immer wenn der Apparat eine Weile ruhig war und ihn nur mit stillen blauen Bildern überschwemmte, hörte Joachim Motten gegen das Fenster fliegen. &lt;i&gt;Tock tock tock,&lt;/i&gt; klopfte es leise. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst nach Mitternacht fand er ins Bett. Die Nachtstille war vollkommen; es war so still, dass ihm die Ohren rauschten. Wieder kamen ihm die weißen Schilder in den Sinn. Tierheim, &lt;i&gt;bitte helfen Sie uns. Please help us. Gelieve te helpen ons. Veuillez nous aider. &lt;/i&gt;Etwas in diesem flehentlichen Appell zwickte sein Gewissen, als hätte er etwas weit Schlimmeres getan, als nur daran vorbeizugehen. Und dabei war er gar nicht vorbeigegangen. Er hatte die Schilder nie gesehen. Nicht soweit er sich erinnerte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vogelgezwitscher weckte ihn. Jeden Morgen fand sich eine ganze Horde Spatzen in der Nachbarparzelle zusammen, um die Brötchenkrümel vom Frühstück einzuheimsen. Gegen neun Uhr lag die Parzelle verlassen, der Sonnenschirm war zugeklappt, die Plastikstühle lehnten gegen den Tisch gekippt. Die Nachbarn mit dem kleinen Hund waren abgereist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun war niemand mehr da, nur noch die Frau mit dem Babydoll und den Schokoladenkeksen. Die nächsten Nachbarn wohnten drei Parzellen weiter und ließen sich kaum blicken. Natürlich gab es noch Mona. Doch wo war sie? Mona hatte das zweite Schlafzimmer belegt, das mit dem Doppelbett. Die Tür stand offen. Der Schlafsack lag zusammengerollt auf der Matratze, darüber geworfen ein langer blauer Rock mit Schlitz. &lt;br /&gt;
War sie schon so früh aufgestanden und weggegangen? Aber warum lag dieser lange Rock da? Tagsüber ging Mona doch immer in Hosen. Joachim starrte müde auf das unordentliche Bett, und dann ging ihm die Bedeutung des Rocks auf: Sie hatte ihn am Abend zum Fest tragen wollen. Ihn anprobiert, wieder ausgezogen und aufs Bett geworfen. Wahrscheinlich, weil er zu unbequem zum Radfahren war. Das bedeutete, dass sie seit gestern abend nicht mehr hier gewesen war. Sie hatte auswärts geschlafen.&lt;br /&gt;
Er nahm sein Handy und wählte Monas Nummer – nur die Mailbox meldete sich.&lt;br /&gt;
Joachim verbot sich weiteres Nachdenken, machte sich eine Tasse Pulverkaffee zurecht und stellte den Computer an. Wahrscheinlich hatte sie auf dem Fest jemanden kennen gelernt und bei ihm übernachtet. Das ging ihn nichts an. Mona war nicht seine Freundin. Nur eine Bekanntschaft, die ihn auf dieser Reise begleitete und einen Teil der Unkosten übernahm. Den eher kleineren Teil, sagte er sich grimmig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Morgensonne schien durch das kleine Fenster seines Schlafraums. Er öffnete es weit und begann, die Arbeit von gestern zu prüfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die UFOs«, las er auf dem Bildschirm, »sind nichts anderes als Abwandlungen religiöser Visionen, die unser Bedürfnis nach Erleichterung in einer entfremdeten Umwelt stillen sollen. Umgekehrt gründet sich unsere ganze Religion auf Besuche aus dem All.« Fabelhaft. Gestern Nachmittag war er wirklich vorangekommen. Ohne richtig zu frühstücken, setzte er sich vor den Rechner, um seinen Gedankengang fortzuführen. Er tippte wie besessen drauflos. Gegen zehn Uhr kam die Nachbarin nach draußen und legte sich mit einem ganzen Zeitschriftenstapel in ihren Liegestuhl. Ihre Gegenwart tat Joachim wohl, obgleich er hinter seinem Fensterchen unsichtbar blieb, um nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aus dem technologischen Dschungel, in dem wir uns verloren haben, projizieren wir nun unsere Enttäuschung nach draußen, in einer Weise, die zu unserem Begriff eines technologischen Universums passt …« &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er musste lange Zeit geschrieben haben, die Sonne stand schon beinahe senkrecht. Der Liegestuhl der Nachbarin war verlassen. Zweifellos war ihr zu heiß geworden. Joachim starrte auf die zuletzt geschriebenen Zeilen und hatte plötzlich das Gefühl, selbst kein Wort von dem zu verstehen, was er da von sich gegeben hatte. »Und wenn es sie nicht gibt …«, tippte er, stockte und löschte den Satz. »Und wenn es sie nicht geben sollte, besteht kein Grund, dass sie nicht irgendwann doch noch kommen …« Sein Kopf summte. Er schloss die Augen und gähnte eine kurze Auszeit. Als er den Bildschirm wieder anschaute, stand da: »… viele verschiedene Arten von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste …« &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So konnte er nicht weiterarbeiten. Es war Mittag, und ihm war schwindlig vor Hunger. Er ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Wenn Mona nicht bald kam, musste er selbst einkaufen gehen. Er empfand eine stumpfsinnige Gereiztheit und schalt mit sich selbst. Das war unvernünftig. Mona hatte ihn fast zwei Wochen lang bekocht; es war ihr gutes Recht, auch mal wegzubleiben. Er machte sich ein Rührei mit Brot und konnte das Salz nicht finden. Das Ei war so geschmacklos wie feuchte Watte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sonne strahlte vom beinahe wolkenlosen Himmel. Gleich nach dem Essen an den Rechner zurückzukehren, war unmöglich. Er rückte draußen einen Liegestuhl unter den Sonnenschirm und legte sich hin. Sofort fielen ihm die Augen zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er wieder aufwachte, war es nach drei Uhr, und sein Mund war trocken und pelzig vom Schlaf. Minutenlang ruhte sein Blick auf einem Hortensienstrauch an der Ligusterhecke. Die kugeligen Blüten kamen ihm unnatürlich vor wie Plastikblumen. Er setzte sich auf. Durch die offene Wohnwagentür erkannte er eine Ecke der Spüle und darauf den Teller, von dem er das Rührei gegessen hatte. Angst überwältigte ihn. Die Welt war tot – er allein hatte überlebt. Über die Nachbarhecken hinweg drang der Wald auf ihn ein. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mühsam hievte er sich aus dem Liegestuhl und stieg die zwei Stufen in den Wohnwagen, um ein Glas Wasser zu trinken. In Gedanken versuchte er, eine Einkaufsliste zu machen. Wein, frisches Brot, Salz. Noch einmal griff er zum Handy – wieder die Mailbox. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es musste sein. Er machte sich notdürftig für einen Besuch in der Zivilisation zurecht: Hemd wechseln, kämmen, mit dem Rasierer über das Kinn fahren. Es gab einen Laden am Eingang des Camps, den er zu Fuß in zehn Minuten erreichen konnte. Einen Augenblick stand er unschlüssig, den Türriegel schon in der Hand. Der Rechner. Er kehrte in sein Kabuff zurück und schaltete das Notebook ab. &lt;i&gt;Einkaufen. Wie ätzend.&lt;/i&gt; Sein Blick fiel auf das Fenster, er sah die Parzelle der Nachbarin und die Buchenstämme dahinter, die im grellen Nachmittagslicht nicht mehr silbern wirkten, sondern einfach grün. &lt;i&gt;Ich gehe sie suchen,&lt;/i&gt; dachte er plötzlich und lächelte über sich selbst, weil der Gedanke so unsinnig war. Der Wald war riesig und er kannte sich nicht aus. &lt;i&gt;Aber wenn ich in den Wald gehe, wird sie nach Hause kommen. Entweder finde ich sie, oder sie kommt von selbst zurück. Ich muss nur hinein.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schloss den Wohnwagen hinter sich ab und umrundete die Hecke. Was für ein Blödsinn, was er da tat. Absichtlich trampelte er durch die Parzelle der Nachbarin. &lt;i&gt;Wenn sie jetzt herauskommt und irgendwas ruft, gehe ich zu ihr und fange ein Gespräch an. &lt;/i&gt;Doch es blieb still. Er sah einen breiten, bequemen Weg vor sich, der in den Buchenhain hineinführte, mit Sand bestreut und so glatt, als sei er gerecht worden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Weg stieg in sanften Schlangenlinien bergauf. Unter den Buchen wuchsen ganze Büschel von Waldglockenblumen, die ihm zunickten. Die Bäume rückten näher, während er dahinspazierte. Nach einer Weile blieb Joachim stehen und schaute sich um. Bisher hatte er keine Abzweigung gesehen; es schien unmöglich, sich zu verlaufen. Überdies war von vorne jetzt etwas zu hören – es klang wie Glockenläuten. Bestimmt lag der nächste Ort ganz nah. So schlimm war der Wald gar nicht. &lt;i&gt;Vielleicht begegne ich Mona. &lt;/i&gt;Der Weg war schmäler geworden, aber noch geeignet zum Radeln. Jetzt hatte er zur Rechten eine dieser Nadelwaldschonungen, die unsinnig dicht gepflanzt war. Es ging immer noch bergauf, der Weg stürzte förmlich zwischen die ineinander gewucherten Bäumchen. Die Luft war abgekühlt und wunderbar frisch. Joachim schlug einen leichten Trab an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war schon eine ganze Weile gerannt, als er merkte, dass sich die Bäume abermals verändert hatten; was er jetzt sah, waren knorrige, dicht beisammen stehende Hainbuchen, überragt von Eichen, die ihm schwindelnd hoch vorkamen. Diese Bäume mussten uralt sein. Vom Himmel war kaum noch etwas zu sehen; nur vereinzelt fielen Lichtbündel auf den Waldboden wie Theaterscheinwerfer. Hoch über ihm deutete ein fernes Flirren und Zwitschern die Existenz einer zweiten, lichtdurchfluteten Welt an. Das Glockenläuten schien näher gekommen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dicht neben ihm flatterte etwas und stieg mit lauten Flügelschlägen auf, und sekundenlang herrschte tiefe Stille – sogar das Läuten verstummte, als halte die Welt vor Schreck den Atem an. Dann bellte ein Hund, und plötzlich wurde Joachim klar, dass es das war, was er schon die ganze Zeit hörte: nicht Läuten, sondern Hundegebell. Eine ganze Meute bellte. Verdammt, wurde hier etwa auch noch gejagt? Er hatte keine Ahnung, wann Jagdsaison war. Der Weg zog sich jetzt, kaum noch erkennbar, durch wucherndes Gestrüpp. Es waren Tollkirschensträucher, soweit er erkennen konnte. Die Bäume schienen zurückzuweichen, und mit einem Mal hatte Joachim einen Drahtzaun vor sich – beinahe wäre er hineingerannt, und auf der anderen Seite des Zauns fuhr ein winziger Hund auf ihn los und kläffte ihn in schrillem Diskant an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, na!«, sagte Joachim mit nervösem Lachen. »Beruhige dich mal!« Das musste das Tierheim sein. Also war er an der Straße! Es musste einfach eine Straße geben, wahrscheinlich auf der anderen Seite. Wo die Bettelschilder hingen. Von hier aus würde er leicht zurückfinden – einfach auf die Straße hinaus, linksherum und in weitem Bogen wieder zum Camp. Das Tierheim sah schäbig aus; ein Komplex zusammengewürfelter Hütten und Schuppen. Und wo waren die Birken? Da mussten doch junge Birken rundherum stehen. Vermutlich sah es von der Straße her anders aus. Freundlicher. &lt;br /&gt;
Und woher wusste er, dass Birken dazu gehörten? Und die Schilder? Und dass auf der anderen Seite eine Straße war? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er aus der Tollkirschenhecke heraustrat, fiel die Sonne mit Macht über ihn her wie am helllichten Mittag. Das konnte doch nicht sein. Er war ja erst nach drei Uhr losgegangen. Und seine Knie zitterten vor Erschöpfung, als sei er stundenlang gerannt.&lt;br /&gt;
Schlimmer als die Sonne aber war das Hundegebell. Es hämmerte vielstimmig in seine Ohren, die Luft vibrierte davon. Die Reihe winziger Zwinger – jeder ungefähr so groß wie sein Arbeitsraum im Wohnwagen – war schier endlos, und in jedem kläffte ihn ein Hund an; manche kaum größer als Katzen und mit eingedrückten, faltigen Gesichtern wie Neugeborene, andere über einen Meter hoch, mit sonoren Stimmen. Das Tollkirschengebüsch wuchs so nah an die Zwinger heran, dass er dicht an den Hunden vorbeigehen musste, und ausnahmslos alle bellten wie besessen, zeigten Reißzähne und heraushängende Zungen, hüpften vor Aufregung oder stemmten sich gegen den Maschendraht, dass er sich gefährlich nach außen beulte … Fast schon in Panik erreichte Joachim die Ecke des Gebäudes und rannte beinahe in eine Frau in blauem Overall hinein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, sorry …«, brachte er heraus und wischte sich die Stirn. Die Frau schaute zu ihm auf – sie reichte ihm gerade bis zur Schulter – und lächelte freundlich mit schiefen, etwas verfärbten Zähnen. Sie war ungefähr sechzig, hatte ein rundes, faltiges Gesicht und eine Masse kurz geschnittenen grauen Haars, das sich sträubte wie bei einem Wiedehopf. &lt;br /&gt;
»Want to have a look?«, fragte sie so selbstverständlich wie eine Verkäuferin in einer Boutique.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sollte er ihr etwa einen Hund abnehmen? Mühsam suchte er ein paar Worte zusammen: »Sorry, I can’t look after a dog.« Sie sah ihn fragend an. Er erläuterte hastig: »No time … much business …«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Perhaps a small one? A little pet?« Sie hatte ihn bereits am Ellbogen gepackt – mit überraschend festem Griff für so eine Zwergin – und steuerte ihn zurück zu der Ecke, um die er gekommen war. Joachim steckte die freie Linke in die Hosentasche und suchte nach Geld. Da er keines fand, durchsuchte er mit der Linken auch die rechte Hosentasche, wofür er sich ziemlich verrenken musste. Wenn er ihr eine Spende gab, würde sie ihn loslassen müssen. »Wir haben auch Kleintiere«, bemerkte die Zwergin in fast akzentfreiem Deutsch, »Sie können auch ein Meerschweinchen oder Kaninchen haben«, und als er sie überrascht anstarrte: »Sie sind doch Deutscher, oder?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Yes.« Inzwischen hatte er in der Gesäßtasche etwas loses Geld gefunden – sogar ein Schein war dabei, wie er tastend feststellte. Er krampfte die Hand darum und trat von einem Bein aufs andere, während die Frau weiterredete. Wenigstens hatte sie ihn losgelassen. »Wir haben hier gut zwei Dutzend Hunde, mindestens genauso viele Katzen und dann noch Kleintiere, und jedes Jahr werden es mehr. Die Leute haben immer weniger Verantwortungsgefühl. Wir müssen uns ständig um neue Tiere kümmern. Und es kommt so selten jemand her, der uns eines abnimmt.« Sie zeigte auf den ersten Käfig, gleich an der Ecke. »Der da ist sicher zu groß für Sie. Den will keiner haben. Er ist schon über ein Jahr bei mir.« Der Hund war riesig, mit kurzem Fell von heller Cremefarbe. Vorhin, als Joachim das erste Mal an den Zwingern entlangging, hatte er mit wütender Bassstimme gebellt; jetzt stand er still und aufmerksam am Zaun und sah Joachim ins Gesicht. Sein Blick war kritisch und abwägend, als sei er es, der eine Wahl zu treffen hatte, und nicht Joachim. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Viel zu groß, nicht wahr?«, bemerkte die Zwergin spöttisch, als sei er einem solchen Tier nicht gewachsen. »Ich zeige Ihnen einen kleineren.« Joachim wollte erneut protestieren, da stand er schon vor dem nächsten Zwinger. Es waren zwei weiße Pudel darin. Sie saßen brav nebeneinander auf ihren Hinterteilen wie Dressurhunde. Ihre Augen waren blau – Augen, wie Hunde sie sonst nicht haben. Sie musterten ihn interessiert und steckten plötzlich die wuscheligen Köpfe zusammen wie Kinder, die miteinander tuscheln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schweiß brach ihm aus. Er klammerte sich an dem Kleingeld in seiner Hosentasche fest. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die müssten Sie aber alle beide nehmen«, erläuterte die Frau. »Sie wollen nicht getrennt werden, verstehen Sie. Ich kann mir schon denken, dass das zu schwierig für Sie ist. Schauen Sie hier – …« Im nächsten Zwinger saß ein winziger Hund mit einem Kindergesicht, der die Zunge herausstreckte, als Joachim an den Zaun trat; dann folgte ein Stall mit einem breitbrüstigen Terrier, der Kratznarben im Gesicht hatte – dicht an seiner Schulter saß eine ebenso kräftige und narbenbedeckte Katze. Sie starrten Joachim finster an und drehten ihm sofort den Rücken. »Ach, auch zu schwierig«, bemerkte die Zwergin munter. »Das wird nicht einfach mit Ihnen. Aber wir finden schon das Richtige.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich will keinen Hund«, sagte Joachim laut. »Hören Sie, ich bin berufstätig und viel auf Reisen. Ich kann einfach keinen Hund halten, aber ich bin bereit, etwas für die Tiere zu spenden!« Er brach ab, weil er jetzt vor einem Stall mit einem jungen Jagdhund stand. Der Hund, schlappohrig und mit kurzem, dunkel glänzendem Fell, kam sofort an den Zaun, als er Joachim sah, und wedelte mit dem Schwanz. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die mag Sie!«, verkündete die Zwergin triumphierend. »Es ist eine Brackenhündin, sehr lieb. Und erst seit gestern hier. Das macht es einfacher. Verstehen Sie, wenn die Tiere lange im Heim sind, werden sie neurotisch und stellen sich an. Das ist leider unvermeidbar ... Diese hier ist garantiert unschuldig.« Sie gab Joachim einen neckischen Klaps auf den Arm. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Hündin erwiderte seinen Blick aus Menschenaugen – feurig grünen, goldgesprenkelten Augen. Joachim beugte sich vor und näherte sein Gesicht dem des Tieres. Etwas zog sich um ihn zusammen und bildete eine eiskalte Aura um seinen Körper. Die Hündin wich plötzlich zurück und legte sich im Hintergrund des Käfigs auf den Boden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Kältegefühl wich mit einem Schlag, und wieder brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Joachim stolperte rückwärts und zog die Hand mit dem Geld aus der Tasche. Ein paar Münzen rollten auf den Boden. Er fühlte sich gedemütigt, als habe er einer Prüfung nicht standgehalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nehmen Sie bitte«, stieß er hervor. »Ich will keinen Hund. Ich kann nicht für einen Hund sorgen.« Die Frau war so klein – er musste sich bücken, um ihre Hand zu erwischen, die klein und runzlig war wie bei einer Greisin. Er packte sie und stopfte das Geld hinein. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, das ist sehr großzügig von Ihnen!« Sie bückte sich nach den Münzen. Joachim nutzte die Gelegenheit. »Ich muss los. Bye!« Ohne auf ihre Antwort zu warten, stürzte er sich in die Tollkirschenhecke. »Thank you so much for your generous donation!«, rief die Zwergin ihm nach. »This makes a big difference in the life of our four-legged friends!« Es klang wie ein Satz, den sie für solche Gelegenheiten auswendig gelernt hatte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie auf ein Signal fingen sämtliche Hunde wieder an zu bellen. Sekundenlang klammerten sich die Tollkirschensträucher an Joachim fest, er schlug um sich – dann fiel er hinaus auf den Waldweg, als hätte die Hecke ihn ausgespien. Ein ganzer Hundechor verfolgte ihn, während er davonrannte, immer wieder stolpernd und sich in Grasbüscheln verheddernd. Jetzt brach binnen Minuten die Dämmerung herein; der Weg war kaum noch zu erkennen, und Joachim prallte mehrmals gegen riesige schwarze Steinbrocken, die – fast so hoch wie er selbst – von ganz allein in den Weg gekollert schienen. Beim dritten Mal ritzte er sich die Schienbeine blutig und konnte die Tränen kaum noch zurückhalten. Der Rückweg, wenn auch bergab, war wie einer jener Alpträume, in denen man verzweifelt dahinrennt und doch kaum von der Stelle kommt. Rundherum dröhnten und knarzten die Bäume, und selbst die Luft schien dick und zähflüssig geworden, so dass er im Laufen mit den Armen ruderte wie ein Schwimmer. Hinter seinem Rücken wandelte sich das andauernde Hundegebell wieder zu Glockenläuten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;II.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Entschuldigen Sie bitte …könnten Sie mir wohl etwas Salz leihen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stand an der Ligusterhecke zwischen unseren Stellplätzen, in einem scheußlichen olivgrünen Military-Hemd und einer fleckigen Anglerweste darüber. Es war die gleiche Kluft, die er immer trug, seit er in dem Caravan neben mir wohnte. Über zwei Wochen waren das zu diesem Zeitpunkt, und noch nie hatte er ein Wort mit mir geredet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Freundin hatte mich immer nett gegrüßt. Ein- oder zweimal täglich kam sie auch zu einem Schwatz an die Hecke, und dabei hatte sie mir erzählt, dass Joachim, wie sie sich ausdrückte, »nicht ganz von dieser Welt« sei: Er schreibe den ganzen Tag an irgendwelchem esoterischen Zeug und brächte es kaum fertig, sich selbst ein Brot zu schmieren. Sie kannte ihn selbst erst seit kurzem. Er hatte per Anzeige eine Reisebegleiterin gesucht, die mit ihm den Caravan und die Kosten teilte. Es lief darauf hinaus, dass sie für Einkaufen, Kochen und alles andere sorgte, und dafür bezahlte er die komplette Stellplatzmiete. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joachim sah zerknittert und übernächtigt aus, und sein sandfarbenes Haar stand in alle Richtungen vom Kopf ab. Ich gab ihm das Salzfass und fragte: »Kann ich Ihnen sonst noch etwas anbieten? Möchten Sie ein paar Schokoladenkekse? Die sind lecker.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich brauche nichts«, gab er mannhaft zurück und kehrte mir schon den Rücken. Ich rief ihm nach: »Ist Mona nicht da?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er ging noch drei Schritte, als hätte er mich nicht gehört. Doch dann drehte er sich heftig um. »Mona ist weg. Sie ist einfach verschwunden. Seit Freitagabend! Drei Tage schon! Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll. Ich war im nächsten Dorf bei der Polizei und wollte sie als vermisst melden. Die haben mich gar nicht ernst genommen, ich hab genau gesehen, wie sie einander zugrinsten. Keine Anzeichen für ein Verbrechen – kein Grund, etwas zu unternehmen. Sie hätte sich wohl einen anderen Freund gesucht. So ein Quatsch! Darum geht es doch gar nicht! Die verstehen rein überhaupt nichts!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich verstand auch nichts. »Mona ist seit Freitag weg? Was soll das heißen? Hat sie denn ihr Gepäck mitgenommen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach was. Sie wollte nur zu einem Fest fahren. Hat sie jedenfalls gesagt.« Und dann legte er los und sprudelte die ganze Geschichte hervor; der Wald, das Dorffest, das Fahrrad, der Wald, das Tierheim und wieder der Wald. Ich brachte ihn dazu, über die Hecke zu steigen und sich an meinen Tisch unter den Schirm zu setzen. Er war völlig durch den Wind. Der Schweiß rann ihm die Schläfen hinab. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das klärt sich bestimmt alles auf«, redete ich auf ihn ein. »Haben Sie versucht, sie anzurufen? Sie hat doch sicher ein Handy?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja klar. Das war das Erste, was ich probiert hab.« Er schien richtig stolz darauf. »Da meldet sich immer nur die Mailbox.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und der Fahrradverleih? Haben Sie sich erkundigt, ob ein Rad fehlt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dort kann sich niemand an Mona erinnern. Sie hat am Freitag ein Fahrrad gemietet, das Formular mit ihrem Namen lag da, aber das Rad wurde am Samstag zurückgegeben. Von ihr oder jemand anderem. Das ließ sich nicht mehr feststellen.« Er fügte entmutigt hinzu: »Ich hab sie gesucht. Aber das führt alles ins Leere.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hätte sie gesucht – das klang merkwürdig. Ich fragte nach: »Hat Mona denn noch mehr Bekannte hier?« Das Camp stand halb leer, die meisten Bewohner waren Dauermieter aus der Umgebung. Und rundherum war ja nichts als Wald und wieder Wald. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich habe sie im Wald gesucht. Da lief sie doch immer herum.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sinnloser ging es ja wohl nicht. Ich schaute ihn an, wie er da in meinem Plastikstuhl saß, die Unterarme auf die Knie gestützt und den strubbeligen Kopf zwischen den Schultern, und dachte mir: Dann siehst du jetzt halt allein zu, wo du Salz herbekommst. Dann tat er mir doch ein wenig leid. »Mona hat mir erzählt, dass Sie zum Schreiben hier sind», bemerkte ich. »Sie haben wohl viel gearbeitet die letzten Tage?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er gab nur ein Brummen von sich und rieb sich die Schläfen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sind Sie Romanautor?«, fragte ich, um ihn zum Reden zu bringen. Natürlich wusste ich sehr gut, dass er keine Romane schrieb. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, ich schreibe einen Fachartikel … für ein Buch über moderne Mythen und kollektive Hysterie. Kornkreise, Entführungen, Männer in Schwarz … all dieses Zeug, das immer weitergetragen wird.« Er machte eine schlaffe Handbewegung zu dem Zeitschriftenstapel, der auf meinem Tisch lag. Plötzlich stahl sich ein überraschend niedliches Lächeln in sein Gesicht, und er zitierte leise: &lt;i&gt;»Es gibt viele verschiedene Arten von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste davon …«&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist aus dem &lt;i&gt;Zauberberg&lt;/i&gt;«, sagte ich gelehrt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich weiß. Ich habe nur ein bisschen drin geblättert. Das Buch gehört eigentlich Mona. Ich lese keine Romane.« Er stockte, fuhr sich mit beiden Händen in die Haare und platzte heraus: »Sagen Sie, haben Sie das Tierheim im Wald gesehen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte noch nie ein Tierheim im Wald gesehen. Er blieb in verzweifelter Haltung sitzen und raufte sich das Haar. »Es muss direkt an der Straße durch den Wald liegen. Ich habe es gesehen, es ist bestimmt da, ich habe es gesehen! Aber jetzt finde ich es nicht mehr. Ich bin schon dreimal losgelaufen, um es zu suchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Man baut doch kein Tierheim mitten im Wald.« Ich musste lachen. »Was suchen Sie denn nun eigentlich, das Tierheim oder Mona?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bin sicher, dass es da ist. Gehen Sie mal den Waldweg lang, gerade dort hinein«, er zeigte auf den Weg, der hinter meiner Parzelle in die Buchenpflanzung hineinführte. »Sie können es gar nicht verfehlen, es gibt nur eine Richtung. Gehen Sie hin. Es würde mich interessieren, was Sie davon halten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie soll ich es finden, wenn Sie es selbst nicht finden?«, fragte ich logisch. Darauf gab es keine Antwort. Nun, der Wald – ich mag Waldspaziergänge ganz gern. Wenn es überschaubare Wanderwege gibt mit anständiger Beschilderung. Aber dieser Wald war nicht mein Fall. Das hatte ich schon in der ersten Woche festgestellt. Zum Beispiel dieser Weg in die Buchen, der führte jeden Tag woanders hin. Mal kam nach fünfhundert Metern eine Fichtenschonung, mal ein Kastanienhain, ein andermal Tollkirschengesträuch. Man verlief sich sofort. Und mir leuchtete nicht ein, was ausgerechnet ein Tierheim im Wald mit Joachims Sorgen um Mona zu tun haben sollte. »Wir können ja zusammen hingehen, und Sie zeigen es mir«, schlug ich vor. Aber das wollte er nicht. Er wies es so aufgeregt von sich, als hätte ich ihm zugemutet, den ganzen Wald abzuwandern. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich würde ja, aber ich habe wirklich keine Zeit, weiter danach zu suchen. Ich bin schon so mit dem Artikel in Rückstand. Ich kann mich gar nicht mehr konzentrieren wegen dieser dauernden Sorge um Mona.« Er redete unaufhörlich weiter. Nach einer Weile stand er auf und trat den Rückzug zur Hecke an. »Schauen Sie es sich an. Es ist ein hübscher Spaziergang, und es gibt massenhaft Hunde dort, sehr nette Hunde«, wiederholte er flehend. »Und die Inhaberin spricht Deutsch. Da kann gar nichts schiefgehen. Erzählen Sie mir nachher, was Sie herausgefunden haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rückwärtsgehend stieg er über die Ligustersträucher. Wenn ich mich an ihn erinnere, sehe ich immer dieses Bild vor mir: Wie er, mit dem Salzfass in der Hand, über die Hecke stieg – so ausgreifend, als hätte er Angst, sich an ein bisschen Liguster weh zu tun. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danach haben wir nie wieder miteinander gesprochen. Ich sah ihn täglich zum Campladen zockeln und mit Plastiktüten in den Händen wiederkommen. Abends war Licht im Wohnwagen, der blaue Widerschein seines Notebooks. Wahrscheinlich schrieb er seinen Artikel zu Ende. Das Salzfass hat er mir nicht wiedergebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein paar Mal fuhr er mit dem Auto weg, und irgendwann kam er nicht mehr zurück. Ich weiß nicht, ob er den Wohnwagen geräumt hat oder einfach verschwunden ist, so wie Mona. Zwei Wochen später musste ich selbst nach Hause. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin habe ich mir einen Hund mitgebracht aus diesem Campingurlaub. Das Tierheim war nämlich tatsächlich da. Kurz bevor ich abreisen musste, habe ich es aufgesucht. Eine zwergenhafte Frau mit grauem Haarschopf hat mich herumgeführt und mir die Tiere gezeigt. Es gab schöne Hunde dort, freundliche Hunde mit liebenswertem Wesen. Am Ende habe ich aber doch dann einen von den weniger freundlichen genommen; den einzigen, der offenbar nichts von mir wissen wollte. »Nehmen Sie es ihm nicht übel«, sagte die Zwergin lachend, »er meint es nicht so!« Der Hund tat mir leid. Ich habe eine großzügige Spende gezeichnet und durfte ihn mitnehmen. Er ist ein kleiner Köter mit sandfarbenem, strubbligem Fell; ich kann ihn baden und bürsten, soviel ich will, er sieht immer ungepflegt aus. Er mag auch meine Schokoladenkekse nicht, aber sonst wirkt er inzwischen ganz zufrieden.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Das Tierasyl</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2021 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2021-03-28T16:44:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/565874941/">
    <title>...</title>
    <link>http://annarinnschad.twoday.net/stories/565874941/</link>
    <description>Ich bin kein Mann des Wortes. Ich lese nicht gern, außer Fachliteratur und Zeitungen. Wie man von einem Roman oder einem Gedicht tagelang gefesselt sein kann, habe ich nie verstanden. Ausgerechnet ich bin nun seit zehn Jahren Opfer eines Textes. Es ist ein zwölf Seiten langes Dokument, das ich mit mir herumtrage. Wenn es abgegriffen ist, drucke ich es neu aus. Ab und zu lese ich es durch oder zeige es jemand anderem. Noch nie hat mir jemand Auskunft geben können, was genau darin steht. Ich weiß nur noch, dass es sich um eine Erzählung handelt; vermutlich eine Gruselgeschichte. &lt;br /&gt;
Als ich nach Deutschland zurückkam, mit zwei Koffern und meinem Notebook, war jener Text – damals in Form einer Worddatei – mein kostbarster Besitz. Inzwischen hat er verschiedene Bedeutungen angenommen. Eine Zeitlang war er mir wie ein geliebtes, etwas anstrengendes Kind, das Aufmerksamkeit verlangt; inzwischen ist er zu einem Wechselbalg geworden, einem Alptraum, der an meinen Fersen klebt. Ich werde mit diesem Text alt werden und sterben. Und das Schlimmste ist: Ich selbst habe ihn verfasst. Warum nur?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin Meeresbiologe. Mit einem Spezialauftrag kam ich für sechs Monate in eine Forschungsstation auf Ellesmere Island. Das liegt im nördlichen Eismeer, weitab von allem. &lt;br /&gt;
Die Forschungsstation war von einer großen Gruppe Geologen belegt, die nach radioaktivem Material bohrten. Sie holten Bodenproben hoch, und ich untersuchte sie auf organische Reste. Es ging dabei um die Vernetzung klimageschichtlicher Daten; nichts besonders Wichtiges. Ich fand auch nichts. Die Bodenproben waren so gut wie tot. Aber die Geologen hatten gute Ergebnisse und bohrten weiter, und da ich mit meinem Auftrag an die Gruppe angedockt war, untersuchte ich weiter.  &lt;br /&gt;
Anfangs hatte ich niemanden zum Reden. Der Bohrtrupp bestand aus Japanern, die unter sich blieben und so taten, als verstünden sie kein Englisch, wenn es nicht um die Arbeit ging. Die Geologen waren Amerikaner, auch Frauen darunter. Alle sprachen einen schwer verständlichen Mittelwestslang und verbrachten ihre Freizeit mit Ballerspielen am Computer. Wir hatten einen Piloten  für das Kufenflugzeug, wenn größere Ausflüge geplant waren. Und dann waren noch drei norwegische Studenten dabei, zwei Mädchen und ein Mann, dünne Nerds mit dicken Brillen. Die wollten für ihre Diplomarbeit Grauwale beobachten, aber kein Grauwal ließ sich blicken. Die Geologen witzelten endlos und schlaff herum,  die Grauwale seien dieses Jahr verhindert, hätten wohl irgendwo im Pazifik Engagements für Liederabende mit Harfenbegleitung und Schönheitstanz. Lustig war das nicht. Die Grauwalstudenten machten unterdessen die Küchenarbeit und finanzierten damit ihren Aufenthalt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Projekt war auf ein halbes Jahr angelegt. Die ersten vier Wochen gingen noch an; es gab natürlich keine Internetverbindung, aber ich hatte mir Ebooks mitgebracht und Filme standen zur Verfügung.  &lt;br /&gt;
Ein Sommer im Eismeer: Es ist immer hell, ununterbrochen, Tag und Nacht. Entweder wolkt und graut alles in Nebel oder man starrt rund um die Uhr in eine gleißende Sonne. Das ganze Zeitgefüge gerät durcheinander. Ich wusste nie, ob ich schlafen oder wachen sollte – und was ich überhaupt tun sollte. Eines Tages jedenfalls – oder war es eines Nachts? – saß ich in der Kombüse und ließ mich voll laufen – Schnaps gab es genug in der Station, da hatte jemand vorgesorgt, gesegnet soll er sein. Und an diesem Abend setzte sich der Pilot zu mir; ziemlich schlecht gelaunt, weil auch er niemanden zum Reden hatte. Er sprach ein sehr schönes, klangreines Englisch ohne merkbaren Akzent. Langsam und deutlich schmeckte er jedes Wort ab. Ich fragte ihn, woher er stamme, und er antwortete: Aus Igruan. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hörte den Namen zum ersten Mal. Igruan ist ein kleines Gebiet in Karelien, in der früheren Sowjetunion. »Da lief alles sehr schlecht«, sagte der Pilot in seinem eigentümlich zögernden Tonfall, als bewege er sich durch vermintes Sprachgelände. Ich fragte, ob es ein schönes Land sei; er dachte kurz nach, ehe er antwortete: »Wald und Wald.« Die Familie unseres Piloten war ausgewandert, als er fünf war. Später kam er nach Schweden, heiratete und nahm den Namen seiner Frau an: Er hieß jetzt Targuin Osiandersson. Aber die igruanischen Laute blieben tief in seinem Gedächtnis verhaftet. Manchmal träumte er in Igruanisch, erzählte er mir. Ich wollte die Sprache hören. Er begann, mir aus dem Gedächtnis igruanische Gedichte aufzusagen. Da er sich nur an einzelne Zeilen erinnerte, ging alles durcheinander, aber ich verstand ja ohnehin nichts. Die Sprache klang wunderschön. Dunkle Laute, die sanft aneinander stießen wie Eisschollen auf einem weißen See. Später fing er an zu singen. Wir leerten die Schnapsflasche. Er brachte mir ein paar Worte bei. Diese ersten Worte habe ich längst vergessen, wahrscheinlich waren es unanständige. Ich weiß aber noch, dass sie weder russisch noch finnisch klangen. &lt;br /&gt;
Wir freundeten uns an, der Pilot und ich. Um die Zeit hatten wir eine Schönwetterperiode mit strahlend blauem Himmel und bunten Reflexen auf der Schneelandschaft. Und so wanderten wir stundenlang hinter unserem Bunker auf und ab und redeten über die igruanische Sprache. Das heißt, er redete und ich hörte zu. Er gab sich Mühe und kramte alles zusammen, was er noch wusste. Mehrmals warnte er mich, sein Gedächtnis sei ein Müllhaufen; aber er konnte mir jedenfalls einen Grundwortschatz beibringen. Ich übte die Aussprache und die ungewohnten Grammatikregeln – vier Arten des Futurs. Ich werde etwas sein, ich werde etwas werden, ich werde etwas gewesen sein; ich werde irgendwann planen, in ferner Zukunft etwas zu werden oder gar etwas gewesen zu sein. All das sagte Targuin mir unter dem grellen Eismeerhimmel vor, während wir einen Pfad durch den funkelnden Schnee trampelten. &lt;br /&gt;
Ich lernte sehr schnell. Schon nach zwei Wochen konnte ich Sätze bilden und eine kleine Geschichte erzählen. Am Ende meines Aufenthalts war ich so weit, dass ich eine große Geschichte erzählen konnte. Ich schrieb sie auf und zeigte sie Targuin, der beifällig nickte. Es ging darum um Grabungen, um labyrinthische Gänge in den Tiefen der Erde und um fremdartige Wesen, die sie bevölkern. Der Titel lautete »Dunkles Geheimnis«. Im Deutschen klingt das so platt. Jedes Geheimnis ist dunkel, ebenso wie jeder Abgrund bodenlos und jede Qual höllisch ist. Man kann es einfach nicht angemessen übersetzen.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich kam zurück mit zwei Koffern, meinem Notebook, das mein dunkles Geheimnis in Form einer Worddatei enthielt, und einem zerfledderten Vokabelheft. Ich landete in Hamburg und telefonierte nach einem Taxi. Es war nach Mitternacht, das übliche Schmuddelwetter, halbgefrorene Nässe. Während ich auf das Taxi wartete, blätterte ich in meinem Heftchen. Ein Auto kam angefahren, ich hielt es für das richtige, trat an den Bordstein und winkte. Aber es fuhr vorbei und überschüttete mich mit einem Sprühregen. Mir fiel das Heft aus den Händen.  Im Rinnstein lagen matschige Schneeklumpen, und als ich es wieder eingesammelt hatte, waren die Einträge verschmiert und das Papier löste sich auf. Ich konnte nur zwei Seiten retten. Kr bis Mn. Im Igruanischen gibt es erstaunlich viele Wörter, die mit Mn anfangen.&lt;br /&gt;
Es war ärgerlich, aber der Verlust war nur ein sentimentaler. Ich wollte mir ohnehin ein richtiges Wörterbuch und eine Sprachlehre kaufen. In Hamburg hatte ich eine Wohnung zur Zwischenmiete, weil ich zwei Monate später zu einem Freund in Heidelberg ziehen wollte. Es gab bis dahin nichts zu tun, also stürzte ich mich sofort in meine Nachforschungen: Google, die Büchersuche. Ich fand über eine Suchseite mit Antiquariaten einen igruanischen Sprachführer und ließ ihn mir schicken. Die igruanische Sprache existierte fast nicht mehr, die Reste waren in mehrere Dialekte zerfallen. Die Wörterliste in dem Buch stimmte nicht einmal annähernd mit meiner Erinnerung überein. Das gleiche galt für die Angaben zur Aussprache. Igruanisch, egal in welchem Dialekt gesprochen, klang anders. Irgendwie verkniffen. Die vorherrschende Lautfolge war n-j. Njet, njet.&lt;br /&gt;
Was hatte Targuin mir beigebracht? Ein Produkt seiner Phantasie. Ungeordnete Brocken in der Erinnerung eines Emigranten, der nie Gelegenheit gehabt hatte, seine Muttersprache richtig zu lernen. Vermutlich hielt er das, was er mich lehrte, für korrekt. In Wahrheit gleicht es keiner Sprache, die es gibt. Sie existiert nur in meiner Worddatei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jahrelang habe ich alles getan, um diese Sprache zu retten, ehe es zu spät ist. In meiner freien Zeit memorierte ich ständig im Kopf die Vokabellisten, ich legte ein neues Heft an, las immer wieder meinen Text durch, führte in Gedanken Gespräche mit Targuin. Mein Heidelberger Freund meinte, ich sei in der Forschungsstation verrückt geworden. Er sprach von Hüttenkoller und empfahl mir, zum Arzt zu gehen. Inzwischen habe ich eine Stelle an einem meeresbiologischen Institut in Stralsund. Wann immer ich Zeit habe, gehe ich am Strand auf und ab und sage den Möwen meine Geschichte auf. Manchmal kommt mir alles sinnlos vor, dann lösche ich die Datei von meinem Rechner und werfe alle Aufzeichnungen weg. Aber wenige Wochen später rekonstruiere ich alles wieder. Zur Sicherheit habe ich eine ganze Anzahl von Datenträgern an Freunde und Kollegen übergeben. Auch ein Rechtsanwalt in Rostock bewahrt eine CD für mich auf. Selbst wenn ich in einem Wutanfall alles wegschmeiße, kann ich mich später immer noch an meine Freunde wenden. In den letzten zehn Jahren ist das dreimal geschehen. Beim letzten Mal habe ich es fast zwei Jahre ohne Igruanisch ausgehalten. Ich habe mir sogar verboten, mit mir selbst Igruanisch zu sprechen. Wenn ich aus Gewohnheit etwas Igruanisches zu mir selbst sagte, tat ich so, als verstünde ich nicht. Nach zwei Jahren bröckelte mein Widerstand. Als ich mir die Daten wieder besorgt hatte, sagten sie mir beinahe nichts mehr. Ich wusste nicht, wie ich die Worte aussprechen sollte, und musste alles neu lernen. Es war mühsam. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich habe ich auch versucht, Targuin wiederzufinden. Er ist inzwischen geschieden und hat einen Forschungsauftrag auf Sachalin angenommen. Vielleicht sehe ich ihn eines Tages wieder. Aber ich vermute, er versteht mich dann nicht mehr.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Der Meermann</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2013 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2013-11-29T18:22:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/8425622/">
    <title>Das Kätzchen war in einem Obstgarten zu Hause. Dort gab es Birnbäume, einen Pflaumenbaum...</title>
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    <description>Das Kätzchen war in einem Obstgarten zu Hause. Dort gab es Birnbäume, einen Pflaumenbaum und einen Holzschuppen. Damals war das Kätzchen eines von siebzehn. Alle siebzehn waren braun, schwarz und grau, manche gefleckt und manche getupft. Eines hatte einen weißen Bauch und eines hatte Tigerstreifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Irgendwann kam ein Mensch mit einem Auto, fing alle siebzehn Kätzchen ein und brachte sie weg. Auch das mit den Tigerstreifen. Das ist seitdem eines von einem und wohnt in einer Wohnung ohne Obstbäume und Holzschuppen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tagsüber ist das Kätzchen allein und schnellt wie eine Sprungfeder über die Möbel, von Stühlen auf Fensterbänke und von da aus unter den Tisch, immer auf der Suche nach unsichtbaren Hummeln und Spinnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Morgens kommt eine Frau mit nassen Haaren. Im Bademantel schlurft sie in die Küche und verbreitet seifig-stockigen Mief.  Sie sucht gähnend nach dem Dosenöffner,  schraubt eine Büchse Futter auf und kratzt es in den Katzennapf. Danach lehnt sie an der Anrichte, während hinter ihr eine Maschine schwarze Brühe in eine Kanne hustet. Die Frau gähnt weiter vor sich hin, bis ihre Augen tränen, trinkt die bitter riechende Brühe und sieht dem Kätzchen beim Fressen zu. Nach einer Weile geht sie wieder hinaus. Wenn das Kätzchen den Napf ausgeleckt hat, kommt die Frau zurück, mit grauem oder blauem steifem Stoff gepanzert, die Haare getrocknet und sorgfältig festgeklebt. Sie schiebt eine Wolke aus süßlichem Blümchengestank vor sich her. Manchmal sagt sie ein paar Worte, und es klingt genauso kratzig wie der Stoff, den sie trägt. Sie greift eine Tasche und gähnt sich zur Tür hinaus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Kätzchen macht sich auf die Jagd nach unsichtbaren Brummelhummeln und Zitterspinnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachmittags wird die Luft in der Wohnung grau. Der Tisch und die darunter geschobenen Stühle bekommen immer mehr Beine. Es rieselt gegen die Fenster, und das Klingeln und Rattern von draußen klingt weich wie Watte. Im Flur klickt es, und die Frau kommt zurück und bringt salzig-schwitzigen Duft mit. Sie schmeißt ihre ausgebeulte Tasche neben die Küchentür, wo sie wie ein schlaffes fettes Tier liegen bleibt. Die Frau geht ins Schlafzimmer, um den Kratzstoff abzupellen, und kommt in fluffig grauen Stoff gehüllt zurück. In der Küche öffnet sie Schränke, räumt Pakete und Flaschen aus Tüten und stopft den kalten hellen Schrank voll. Wenn die Tür offen steht, summt der Schrank aufgeregt, bis die Frau sie wieder zuwirft. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für das Kätzchen kocht sie Hühnerleber in einem Topf auf dem Herd; für sich selbst macht sie etwas Gelbes, Gummiweiches zurecht. Das Kätzchen lässt sich vor seinem Napf nieder und ordnet sorgsam den Schwanz um sich, ehe es zu fressen beginnt. Die Frau frisst im Stehen, an die Küchenanrichte gelehnt. Nach einer Weile leckt sie die Gabel ab, öffnet einen Eimer mit Klappmaul, der in der Küchenecke steht, und kratzt die Hälfte ihrer Mahlzeit hinein, zu den Gummiresten vom vorigen und vom vorvorigen Tag und den leeren Katzenfutterdosen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Essen kriecht das Kätzchen unter das Sofa und schnurrt, während die Frau in den Kasten schaut, der ununterbrochen plappert und dudelt und dabei blauen Mondschein ausbreitet. Eine Flasche spuckt mit scharfem Plop den Korken aus, und die Frau gießt etwas Rotes und modrig Riechendes in ein Glas. Das Glas ist so fein, dass es bei jeder Berührung singt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Später klirrt es manchmal und Scherben fallen vor das Sofa. Das Glas hat zu singen aufgehört. Der viereckige blaue Mond erlischt und wird stumm. Von seinem Platz unter dem Sofa aus sieht das Kätzchen, wie eine Hand nach unten kommt und versucht, die Scherben zusammenzulesen. Die Hand tastet herum und sprenkelt rote Tropfen über den Fußboden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Kätzchen leckt sie auf. Sie schmecken rostig und rufen ferne Bilder wach von duftendem Wind, von Obstbäumen, einem Holzschuppen und sechzehn anderen Kätzchen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Sofa quietscht und hebt sich. Die Füße der Frau schlurren davon und ziehen eine rote Tropfenspur hinter sich her. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann ist die Frau wieder weg und die stille Wohnung ist in Nachtfarbe getaucht. Das Kätzchen springt auf das Sofa, um sich dort einzurollen, wo die Frau gesessen hat. Es dehnt sich und bohrt die Krallen in die weichen Polster; es kostet das Rote auf der Zunge nach und leckt sich den Bauch. Einst war es eines von siebzehn, in einem Obstgarten mit Bäumen und einem Holzschuppen. Es geht auf die Jagd und springt wie eine Stahlfeder umher, immer hin und her über die liegen gebliebenen Singscherben hinweg, auf Möbel und Fensterbänke. Die ganze Nacht jagt es unsichtbare Brummelhummeln und Zitterspinnen.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Hummeln und Spinnen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2010 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2010-11-10T23:54:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/8397365/">
    <title>Grellweißer Morgen. Ein Lichtspieß bricht sich im Spiegel der Fenster gegenüber und...</title>
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    <description>Grellweißer Morgen. Ein Lichtspieß bricht sich im Spiegel der Fenster gegenüber und wirft helle Bahnen ins Schlafzimmer. Staubflusen steigen auf. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie blinzelt und hält sich die Hand vors Gesicht, bis das Deckbett zu einem feuchtheißen Brutofen wird. Draußen glüht der Frühsommer. Es ist Tag, sie muss auf. Sie holt ihre Hand ein, die weiß und tot auf der leeren Bettseite liegt. Sie wälzt sich rechtsherum. Im Flur klingelt das Telefon. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lässt es klingeln. Lässt Wasser ins Waschbecken laufen und legt das Gesicht hinein. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie hat von ihren Füßen geträumt. Dass ihre Füße so tot waren wie die Hand auf der leeren Bettseite. Dass sie den linken nackten Fuß auf das rechte Knie hob und betrachtete wie etwas, was nicht zu ihr gehört. Der Rist und die Fersen waren mit toter Haut bedeckt, die sich in Flocken ablöste und herunterhing. So wie früher, wenn sie die Hornhaut am Ballen behandelte, griff sie nach dem Bimsstein und hobelte die weißen Fetzen herunter, dann stellte sie den Fuß ab und nahm sich den anderen vor. Als sie mit dem anderen, rechten Fuß fertig war, hing der linke schon wieder voll toter Schuppen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie hobelte wütend, bis auf die ungeschützte rosige Haut. Blut floss. Aber sie sah es nur sekundenlang, dann war der Fuß wieder bedeckt von durchsichtiger toter Haut. Die Haut wuchs sofort nach; war rosig, blutete, starb und ging in Fetzen. Sie kam mit dem Hobeln nicht hinterher und warf den Bimsstein schließlich in die Ecke. Davon wurde sie wach. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Telefon klingelt. Sie geht nicht hin. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie schaut im Spiegel nach, ob sie noch Haare hat, ob die Zähne noch da sind. Man kann nicht wissen, was der Morgen bringt oder nimmt. Ihr Gesicht ist so glatt wie feines Porzellan, das bei der geringsten Berührung springen könnte. Sie klopft mit einer Fingerkuppe gegen ihre Stirn und wundert sich über den stumpfen Klang. Ihre Haare sind klebrig. Sie kämmt die langen Strähnen nach hinten. Zieht sich an. Die Hose von gestern, ein langes Hemd in einer Farbe wie Sauerkraut. Sie muss es irgendwann selbst gefärbt haben. Mit Beinwellblättern, erinnert sie sich. Es ist ein Leben lang her. Die Färbung war nicht lichtecht und verblich. Lichtscheu wie sie selbst. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie geht zurück ins Schlafzimmer, um das Fenster zu öffnen und das Bett aufzudecken. Vergisst ihren Plan und legt sich wieder hinein. Betrachtet ihre leere Hand auf der linken Bettseite. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als das Telefon erneut klingelt, müht sie sich heraus und in den Flur. &lt;br /&gt;
Am anderen Ende nuschelt jemand. Sie hört Rauschen und fragt in einem Anflug von Neugier: »Wie bitte?« &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Rauschen wird lauter. Dann piepst es. Es ist eine Schäfchenstimme, denkt sie; wenn ein Schäfchen sprechen könnte, hörte es sich so an. Und sie öffnet die linke Hand, während die Rechte weiter den Hörer ans Ohr presst, und schaut in die Höhlung zwischen den Fingern, als könnte sich dazwischen eines ihrer Wollschäfchen verbergen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du«, piepst es im Hörer. »Du. Du. Du.« &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie antwortet: »Warum ich?« &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die Schäfchenstimme sagt: »Wünsch dir etwas.« &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie legt den Hörer auf. Der Flurspiegel ist so blind, dass sie ohne Angst hineinsehen kann. Nichts in ihrem Gesicht verrät die toten Hautfetzen um die Füße. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich wünsche«, sagt sie zum Spiegel. »Ich wünsche, das alles wäre nicht passiert. Ich wünsche, ich wäre gar nicht auf die Welt gekommen.« &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da rauscht die Welt zurück, und sie sieht alles neu. Zu ihren Füßen liegt der schwarze Hund; er schaut zu ihr hinauf und wedelt schwach mit dem Schwanz, der weht wie eine Fahne. Es ist ein Hütehund. Sie geht mit ihm hinaus, um die Schafe und Ziegen auf der Weide zu sehen, eine taufeuchte Weide in Niaux, im Schatten der hohen Berge. Sie lacht, als der schwarze Hund aus Übermut die Lämmer über die Wiese jagt, die mit den Hinterbeinen nach ihm auskeilen. Und die Welt rauscht zurück. Sie geht über die Weide zur Landstraße; die liegt jetzt oben im Norden; und riegelt die Tür zu der Bretterbude auf, an der Straße zum Wald Brocéliande, wo Merlin begraben liegt; da kommen immer Touristen vorbei. Sie kehrt der Straße den Rücken, räumt die Dekoration aus bunten Servietten vom Tresen und nimmt den Schafskäse von der Waage. Sie sagt »nein« zu dem grauhaarigen Mann, der sich über die Theke beugt und ihr Komplimente macht: sie sei &lt;i&gt;nett, altmodisch, liebenswert&lt;/i&gt;. Dabei hat er ein wachsames Auge auf die Waage; sie hat es gut bemerkt. So ist er. Lang genug hat sie mit ihm zusammengelebt und beobachtet, wie achtsam er die Farbe auf die Leinwand tupfte. Ein Rentner, der in der Sonne lebt und malt. Er ist nicht mehr. Die Welt rauscht zurück; sie wendet ihm den Rücken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nacht ist kalt und klar; sie schließt die Tür zu ihrer Studentenbude in Mainz auf, einem winzigen Zimmer in einem Wohnheim. Sie macht Licht, stellt den Computer an, ordnet ihre Aufzeichnungen und klappt die Bücher auf und wieder zu. Sie hat vergessen, dass sie durchgefallen ist; weiß nur noch, dass sie fleißig war und gut gearbeitet hat. Das meiste hat sie vergessen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Nein zu sagen, hat sie jetzt endlich gelernt, und sie sagt »nein« zu der großen Schwester, die ihr ein halbvolles Weinglas bringt, schweren Rotwein, in dem schon Fruchtfliegen schwimmen; und sie sagt »nein« zu dem Vater, der über das Abiturzeugnis hinweg spricht. Aus dem Haus springt sie in der Morgensonne in ein Taxi, wirft ihre Tasche auf den Rücksitz. Ihre Füße hüpfen in den alten schwarzen Stiefeln. Das Taxi fährt rückwärts, und die Füße schrumpfen zu rosigen runden Gliedern, die nicht treten, und sie wird zu etwas, das nicht ist. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts ist geschehen. Sie hat nichts mehr zu wünschen, war nicht, ist nicht. Und die Welt rauscht voran, die Füße schwitzen und häuten sich in den Springerstiefeln, sie tanzt mit dem grauhaarigen Mann, der sie liebevoll an sich drückt und ihr verspricht, dass sie schön sei. Das Weinglas ist wieder voll, es ist ein ganz junger Wein, ein roter Rauscher aus dem Roussillon, neu geboren wie sie. Sie zieht die Schuhe aus und tanzt auf den Zehenspitzen; die Nägel glänzen wie Muscheln, frisch gespült vom Meer. Sie steht am Telefon und malt mit dem Finger eine Acht in den blinden Spiegel. »Ich wünsche«, sagt sie.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Erste Häutung (Romankapitel)</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2010 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2010-10-21T10:40:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/6101710/">
    <title>...</title>
    <link>http://annarinnschad.twoday.net/stories/6101710/</link>
    <description>Seit heute habe ich zwei Stimmen. Eine Erst- und eine Zweitstimme. Die eine habe ich in Gebrauch, die zweite wohnt in meiner Küche. &lt;br /&gt;
Das ist so gekommen: &lt;br /&gt;
Ich wollte mir ein paar Brötchen zum Frühstück holen. Es war an einem Samstagmorgen Ende November. Die Zufahrt zu meiner Lieblingsbäckerei – sie liegt am Ende einer Einbahnstraße – war versperrt durch einen Feuerwehrwagen mit ausgefahrener Leiter. Am Ende der Leiter stand ein Mann in gelber Warnweste und pfriemelte Lichterketten an eine Straßenlampe. Es war deutlich zu sehen, dass er sich dort auf Dauer eingerichtet hatte. &lt;br /&gt;
Das Auto parken war unmöglich, es gab keine freie Lücke. Ich fuhr um den Block. Am falschen Ende der Einbahnstraße leuchtete einladend die Bäckerei. Gleich daneben war ein Kundenparkplatz. Mein Magen knurrte. &lt;br /&gt;
Ich fuhr zehn Meter weit in die Einbahnstraße hinein. Eigentlich waren es sogar nur acht Meter. Knapp zwei Autolängen. Ich stellte das Auto ab. &lt;br /&gt;
Gerade als ich ausstieg, hielt hinter mir ein dunkelblauer Corsa. Am Steuer ein Mann, der das Fenster heruntergekurbelt hatte. »Sie!«, rief er. Ich nahm ihn erst mal nicht zur Kenntnis. Zog meinen Einkaufskorb vom Rücksitz und klappte die Tür zu. »SIE!«, schrie der Mann. Es hätte albern ausgesehen, wenn ich ihn weiter ignoriert hätte. Ich ging auf den Corsa zu. &lt;br /&gt;
»Wissen Sie nicht, dass hier Einbahnstraße ist?«, brüllte er. »Sie fahren in die falsche Richtung!«&lt;br /&gt;
Mir lag schon auf der Zunge: »Dann rufen Sie doch die Bullen, Sie Blödmann!« – da blieb mir das Wort im Hals stecken. Der Mann in dem unauffälligen blauen Corsa hatte auf seinem unauffälligen blauen Pullover einen kleinen gestickten Schriftzug. Ich las »Polizei«. &lt;br /&gt;
Das ist doch keine Uniform! – schoss es mir durch den Kopf. Ist der jetzt im Dienst oder nicht? Ich wollte etwas sagen, musste plötzlich furchtbar husten und hielt mir die Hand vor den Mund. Aus meiner krampfenden Kehle schoss etwas Feuchtheißes und blieb mir zwischen den Fingern hängen. Erschrocken ballte ich die Hand zusammen. &lt;br /&gt;
»Das nächste Mal denken Sie dran!«, sprach die Stimme der Exekutive. &lt;br /&gt;
Ich wollte »Ja« und »Entschuldigung« sagen, brachte aber nichts heraus. Meine Kehle schien völlig verschlossen zu sein. Das kleine Ding wand sich in meiner Hand. Es fühlte sich glitschig an wie ein gut durchgekauter Kaugummi. &lt;br /&gt;
Der blaue Corsa rollte vom Parkplatz. Ich öffnete vorsichtig die Hand und schaute hinein. Das Ding war rosa und wurstförmig mit ein paar Einschnürungen. Es war so klein und nackt wie ein aus dem Nest gefallener Vogel. Während ich es anstarrte, machte es plötzlich einen Hüpfer und quietschte. &lt;br /&gt;
Es war meine Stimme. Meine Stimme war mir aus dem Hals gesprungen. &lt;br /&gt;
Da gab es keinen Zweifel. Denn in meinem Hals war nichts; ich versuchte mich zu räuspern, aber es kam nur ein Rascheln wie von welkem Laub heraus. Ich hatte keine Stimme mehr. Sie lag in meiner Hand. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne einzukaufen, sprang ich wieder ins Auto und hastete einhändig lenkend nach Hause, die Hand um die Stimme gekrampft. Was sollte ich damit machen? Feucht halten, bestimmt. In Formalin einlegen. Aber so was hatte ich natürlich nicht im Haus. Vielleicht tat es auch hochprozentiger Alkohol? Bier genügte sicher nicht. Ich fand eine kleine Flasche Grappa im Küchenschrank, die mir mein Nachbar mal geschenkt hatte. Das Zeug war uralt, aber Alkohol verfällt ja nicht. Oder? Ich füllte ein ausgewaschenes Marmeladenglas mit Grappa und tat die Stimme hinein. Sie quietschte und hickste, dann versank sie blubbernd in der Flüssigkeit. &lt;br /&gt;
Ich versuchte, in Ruhe zu überlegen. Wie implantiert man eine Stimme wieder in den Hals? Den Arzt anrufen? Ich hatte schon den Hörer in der Hand, da fiel mir ein, dass ich nicht mehr reden konnte. Meine Stimme lag in Grappa. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden zwei Wochen musste ich ohne Stimme auskommen. Das ging erstaunlich gut. Viel besser, als ich vermutet hätte. &lt;br /&gt;
Zur Zeit verdiene ich mein Brot als Apothekengehilfin. Das ist eine Tätigkeit, bei der man tagelang stumm bleiben kann. Ich wickelte mir eine dicke Schaumstoffmanschette um den Hals. Wenn mich jemand etwas fragte, zuckte ich die Achseln und zeigte auf die Manschette. &lt;br /&gt;
Natürlich konnte ich nicht mehr bedienen. Die Chefin schickte mich ins Hinterzimmer, wo ich Salben zusammenrührte und Kapseln mit Spezialpräparaten füllte. &lt;br /&gt;
Wenn ich nach Feierabend heimkam, begrüßte ich als erstes die Stimme. Ich klopfte ein wenig gegen das Marmeladenglas. Manchmal gab die Stimme dann einen zarten Gickser von sich. Sonst verhielt sie sich ruhig. Nur spät abends, wenn ich den Fernseher abschaltete und es plötzlich ganz still in meiner Wohnung wurde, hörte ich sie manchmal leise singen. Natürlich ohne Worte, sie hatte ja weder Lippen noch Zunge. Aber ich erkannte die Melodien. Das alberne Lied von dem Rentier Rudolph sang sie - das hätte ich ihr nicht erlaubt, wenn sie noch in meiner Kehle gewesen wäre. Und einmal sang sie auch »Stille Nacht«.&lt;br /&gt;
Die Flüssigkeit in dem Marmeladenglas wechselte ich natürlich regelmäßig. Für den Fall, dass Grappa meiner Stimme nicht schmeckt, füllte ich am zweiten Tag einen guten Gin ein, am vierten Tag einen weißen Rum und nach einer Woche einen Williamsbirnengeist. &lt;br /&gt;
Manchmal beschloss ich, zum Arzt zu gehen. Ich packte das Marmeladenglas mit der Stimme ein und setzte mich mit einem Schreibblock hin, um meine Geschichte aufzuschreiben. Doch dann überlegte ich es mir anders. Mein Fall war einmalig, dessen war ich sicher. Man würde mir die Stimme wegnehmen und sie auf medizinischen Kongressen herumreichen. Das durfte ich nicht riskieren. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute, am 15. Dezember, bekam ich meine Zweitstimme. &lt;br /&gt;
Ich saß wie üblich im Hinterzimmer der Apotheke und tütete Medikamente ein für den Kurierdienst. &lt;br /&gt;
Vorne im Verkaufsraum war viel Betrieb. Meine Kolleginnen hasteten immer aufgeregter herum. Ich hätte ihnen gern geholfen, aber ich konnte ja nicht. &lt;br /&gt;
Bei meinen Aufträgen war eine Anforderung über ein Migränemittel für Frau Kaspari, Klempererstraße. Die Frau Kaspari war früher Tierärztin. Seit sie zwei Schlaganfälle gehabt hat, arbeitet sie nicht mehr. Aber früher hat sie immer meine beiden Zwerghäschen betreut. Inzwischen sind beide tot, aber sie sind zwölf und dreizehn Jahre alt geworden, ein biblisches Alter für Zwerghäschen, und das verdanke ich bestimmt der Frau Kaspari. &lt;br /&gt;
Ich machte die Medikamententüte für sie fertig und dabei fiel mir ein, dass ich ihr bei der Gelegenheit eine Freude machen könnte. Frau Kaspari liebt über alles diese fürchterlich beißenden Halspastillen, die »Fisherman&apos;s Friends« heißen. Die gab es gerade in einer besonderen Weihnachtspackung mit aufgedruckten Tannenzweigen und Schleifchen. Ich beschloss, ein Päckchen davon mit in ihre Tüte zu tun. Dazu musste ich allerdings in den Verkaufsraum, wo die Fisherman’s im Regal lagen. &lt;br /&gt;
Wir haben vier Theken, und an allen standen Leute. Unter ihnen war ein großer Kerl mit angegrauten Schläfen, der einen dunkelblauen Pullover anhatte. Ich erkannte ihn sofort. Es war mein Gesetzeshüter vom Parkplatz. &lt;br /&gt;
Ich tat mein Bestes, nicht bemerkt zu werden, zog den Kopf ein und langte ganz vorsichtig in den Ständer mit den Halspastillen. Doch er hatte mich schon gesehen. »Sie!«, brüllte er los. »SIE! Sind Sie übergeschnappt? Was fällt ihnen ein, Geschichten über mich zu schreiben? Sie ruinieren meinen Ruf! Ich werde Sie wegen übler Nachrede verklagen, Sie!«&lt;br /&gt;
Ich hatte die Fisherman&apos;s schon in der Hand. Da ritt mich der Teufel. Ich riss das Päckchen auf und schüttete mir den ganzen Inhalt in den Hals. Es brannte wie Feuer. Und ich dröhnte zurück: »Ach, Sie sind es! Was darf es heute sein? Ist der Fußpilz noch nicht weg? Oder brauchen Sie wieder was gegen Mundfäule?«&lt;br /&gt;
Einen Augenblick war ich selbst fassungslos. Wo kam diese neue Stimme her? Sie klang rau und durchdringend wie ein Nebelhorn. Er machte den Mund auf und zu, aber es kam nichts heraus. Mein Blick fiel auf seinen Pullover - auf das gestickte Emblem auf seiner Brust. Da stand gar nicht »Polizei«. Ich hatte falsch gelesen. Es hieß »Pozilei«. &lt;br /&gt;
»Ich hab auch wieder Hämorrhoidenzäpfchen da!«, röhrte ich. »Und Kondome mit Himbeergeschmack! Alles, was Sie wollen!«&lt;br /&gt;
Dann rauschte ich hinaus. Es waren ungefähr zwanzig Leute im Verkaufsraum, und alle waren sprachlos. Als sei ihnen die Stimme davongehüpft. &lt;br /&gt;
In dem Fisherman’s-Päckchen war noch eine einzige Pastille. Ich steckte es in die Tüte für die Tierärztin und schrieb einen Gruß von meinen verstorbenen Zwerghäschen dazu. &lt;br /&gt;
Beim Ladenschluss heute Mittag schickte man mich dann bis auf weiteres in Urlaub. Ich weiß nicht, ob meine Zukunft im Hinterzimmer einer Apotheke liegt, vielleicht sollte ich lieber zur Bühne. Zur Zeit übe ich »White Christmas« in meiner Küche. Die Erststimme hüpft dazu in ihrem Glas auf und ab. Ich habe ihr diesmal reinen Wodka gegeben, das soll gut für die Stimme sein und macht Haare auf der Brust.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Wie ich zweistimmig wurde</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2009 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2009-12-20T12:52:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/5215379/">
    <title>Pusteblume - Hasensprung</title>
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    <description>&lt;img width=&quot;286&quot; alt=&quot;hasensprung-500&quot; title=&quot;&quot; src=&quot;https://static.twoday.net/annarinnschad/images/hasensprung-500.jpg&quot; height=&quot;400&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
- pusteblume &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ein hauchfeiner&lt;br /&gt;
rundwebstuhl&lt;br /&gt;
auf ihn gespannt&lt;br /&gt;
ein schnupftuch&lt;br /&gt;
für hummelbräute&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
in die ritzen&lt;br /&gt;
der kiefernzapfen&lt;br /&gt;
schreiben mücken ihre&lt;br /&gt;
liebesbriefe&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und in die silberdistel&lt;br /&gt;
der ameisen mammutbaum&lt;br /&gt;
ritzen mäuse ihr&lt;br /&gt;
gepfeiltes herz&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
- hasensprung&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der sprung über&lt;br /&gt;
den bach&lt;br /&gt;
teilt die luft&lt;br /&gt;
wie einst moses&lt;br /&gt;
mit dem stab&lt;br /&gt;
die fluten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
den kaulquappen&lt;br /&gt;
dunkelt sich &lt;br /&gt;
der himmel&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wie ein tornado&lt;br /&gt;
dräut der sturm&lt;br /&gt;
im wasserglas&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Illustration: ©Antonia Schad&lt;/i&gt;</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Pusteblume - Hasensprung</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2008-09-25T11:28:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/4731437/">
    <title>Die See ist eine große blaue Kathedrale. In der Krypta wohnt die Tiefseefischin....</title>
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    <description>Die See ist eine große blaue Kathedrale. In der Krypta wohnt die Tiefseefischin. Hier ist das Wasser nicht durchsichtig und strahlend wie der nächtliche Himmel, sondern dick und körperhaft, eine nachgiebige Wand aus Schwärze. Die Tiefseefischin hat lange, gekrümmte Zähne wie ein urweltlicher Tiger, der in die ewige Dunkelheit hinabgestiegen ist. Um ihren Weg zu finden, trägt sie ein Licht mit sich herum. An einem feinen, fühlerartigen Auswuchs aus ihrer Stirn hängt ein winziger Leuchtkörper und erhellt den Raum vor ihr wie ein Stablämpchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viel sieht sie nicht damit. Nur ein kurzes Stück weit. Manchmal taucht in ihrem Lichtkreis ein Beutefisch auf, taumelt geblendet von der plötzlichen Helligkeit, und sie verschlingt ihn mit einem Haps. Manchmal streift ein zweiter Lichtkreis den ihren, und ein anderer Tiefseefisch schwimmt heran und beglotzt die Fischin mit einem misstrauischen Auge. Doch er ist nicht von ihrer Art und zieht gelangweilt vorbei. Die beiden Lichtkreise berühren einander wie Luftballons, die mit hohlem Blubb zusammenstoßen und sofort wieder auseinander streben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Tiefseefischin durchschwimmt steinige Höhlen, liest die Runenschrift an den Felswänden und leuchtet mit ihrem Lämpchen in schwarze Löcher, die sich dazwischen auftun. Manchmal öffnen sich Schlünde, die so tief sind, dass selbst sie sich nicht hineintraut. Doch instinktiv weiß sie, dass dort nichts lebt außer Bakterien und Würmern. Die zählen nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vielleicht gibt es jemanden von ihrer Art irgendwo in der schwarzen Wand. Doch wie soll sie ihn finden, wo sie nur ein kurzes Stück weit sehen kann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle paar Wochen wagt sie kurzzeitig den Weg hinauf.  Sie wartet den Neumond ab. Trotz des Nachtdunkels fühlt  sich das Wasser auf dem Weg nach oben zunehmend heller und luftiger an. Die Tiefseefischin fürchtet sich und strebt in die Tiefe zurück, doch ehe sie sich wieder auf dem Heimweg macht, schlingt  und schluckt sie hastig noch mancherlei in sich hinein, denn hier oben ist die Beute dicht gesät.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber nie sieht sie einen Fisch ihrer Art.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Nachts versäumt sie die Zeit und sieht zum ersten Mal das Anbrechen des Morgens durch die Wasseroberfläche. Über ihr strahlt alles wie Kristall und vor der leuchtenden Bläue verblasst ihr eigenes Laternchen. Die Tiefseefischin möchte aufsteigen, traut sich aber nicht; ein dumpfer Druck in ihren Eingeweiden warnt sie, sich diesem fernen Strahlen anzuvertrauen. Doch über sich sieht sie das silbrige Funkeln und Zappeln von Hunderten fremdartiger Fische. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein einzelner schlanker Fisch zickzackt über ihr umher. Die Tiefseefischin sieht ihn gerade deutlich genug, um zu erkennen, dass er weder zum Fressen ist noch ein Fisch wie sie. Zur Freude geboren scheint er und schlägt übermütige, funkelnde Schleifen. Sekunden später verschwindet er nach oben, wo sich das Gleißen des Morgens immer greller entfaltet. Die Tiefseefischin schwimmt ihm nach. Doch der schmerzhafte Druck in ihr nimmt zu. Ein fremdes Etwas in ihrem Inneren bläst sich auf und droht sie zu sprengen. Sie jammert lautlos. Endlich kehrt sie um. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In zweitausend Metern Tiefe ruht sie am Boden aus. Ihr Lämpchen entzündet sich wieder und bildet eine kleine Insel in der Dunkelheit.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Die See ist eine blaue Kathedrale</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2008 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2008-02-24T15:41:00Z</dc:date>
  </item>
  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/4112545/">
    <title>Das Zappelkaninchen baumelt an einer silbernen Kette. Es ist nur etwa zwei Zentimeter...</title>
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    <description>Das Zappelkaninchen baumelt an einer silbernen Kette. Es ist nur etwa zwei Zentimeter hoch. Sein Kopf mit den langen Ohren ist fest mit der Aufhängeöse verlötet und kann sich nicht rühren, ohne die Kette zu verheddern. Aber der rundbäuchige Körper dreht sich frei um den lose eingehängten Hals, und ebenso sind auch die vier Beinchen beweglich an den Körper gefügt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl es also nach Lust und Laune zappeln kann, ist das Zappelkaninchen sich selbst ein Ärgernis. Die Hinterbeinchen zum Beispiel sind viel zu kurz. Eigentlich sehen sie eher wie menschliche Beine aus mit kleinen Füßen. Das Zappelkaninchen weiß nicht viel von sich selbst, ist aber instinktiv sicher, dass es lange, muskulöse Hinterbeine haben sollte zum Springen und Rennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Leben als Wildkaninchen hat es beinahe ganz vergessen. Doch es weiß noch, wie es Stallkaninchen war. Damals hatte es nicht viel Platz und kaum Unterhaltung außer Fressen. Aber es konnte mit den Hinterbeinen trommeln und mit den Vorderpfoten kratzen, wenn jemand kam und den Futternapf zum Auffüllen aus dem Stall hob oder mit der Kehrschaufel das schmutzige Stroh herausscharrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deutlicher noch ist die Erinnerung an das Leben als Zwergkaninchen. Es hatte wieder viel Platz zum Herumhoppeln, bekam Leckerbissen und wurde oft gestreichelt. Trotzdem scharrte und kratzte es wie gewohnt im Stroh. Wenn es Lust dazu hatte, sprang das Kaninchen aus dem Stand einen halben Meter hoch, so stark waren seine Hinterbeine. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit es an der Silberkette baumelt, trommelt und springt es nicht mehr. Die Vorderbeine unnatürlich gewinkelt, die Hinterbeine viel zu kurz, hängt es über einem knochigen Brustbein und verdreht sich vor Unmut. Die Besitzerin des Zappelkaninchens betastet es immer wieder, ob es auch ordentlich hängt, die Füßchen und die gewinkelten Vorderbeine nach vorn, wie es sich gehört. Manchmal dreht sich das Zappelkaninchen ganz herum und wendet den Unterkörper der Frau zu, obwohl das Gesicht weiter nach außen zeigt.  Das ärgert die Frau. Immer wieder fingert sie an dem Zappelkaninchen herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages landet das Zappelkaninchen mitsamt der Kette in einer Pappschachtel. Die Frau trägt jetzt etwas anderes. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lange schläft es zwischen Watteschichten. Ruhen und Dösen ist es gewohnt aus seiner Zeit als Stallkaninchen. Doch plötzlich wird es aus dem Wattekokon befreit. Die Kette wird gespreizt, um einen Hals gelegt, im Nacken geschlossen. Es ist ein viel dickerer Hals als früher. Das Zappelkaninchen hängt knapp unter einem haarigen Schlüsselbein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viel sieht es nicht von der Welt. Der neue Besitzer hat die Kette so gedreht, dass das Zappelkaninchen mit dem Gesicht zu ihm hängt. Vielleicht ist er kurzsichtig und weiß es nicht besser, und es gibt niemanden in seiner Umgebung, der ihn auf den Fehler hinweist. Das silberne Zappelkaninchen baumelt  verkehrt herum an der Kette und drückt die Mümmelnase in das Brustfell seines Besitzers. Das Fell ist warm und weich, das Herz donnert gegen die Rippen. Das Kaninchen hört das Pumpen des Atems und den gleichmäßigen Wellengang des Blutes, das in das Herz strömt und wieder heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt dreht es nicht mehr den Unterleib und die gewinkelten Vorderbeinchen; es bleibt seinem Menschen zugewendet hängen, alle vier Beine in dem dichten Brustfell, die Ohren an die warme Haut gelegt.  Zum ersten Mal seit langer Zeit beginnt es zu trommeln und zu kratzen. Lustvoll klopft es gegen die warme Haut und wühlt sich in das fremde Fell, scharrt und gräbt. Es kratzt sich einen dunklen Gang hinab in die Tiefe des dröhnenden Brustkorbs.</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Das Zappelkaninchen</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2007-07-27T15:12:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/3534675/">
    <title>Drei Wochen nach Professor Erdmanns Unfall besichtigte sein Kollege Goth dessen ehemaliges...</title>
    <link>http://annarinnschad.twoday.net/stories/3534675/</link>
    <description>Drei Wochen nach Professor Erdmanns Unfall besichtigte sein Kollege Goth dessen ehemaliges Büro. Zwar war die Professur noch nicht aufgelöst und die Semesterferien standen kurz bevor, aber das hielt Goth nicht davon ab, symbolisch Besitz von den Räumen zu ergreifen: Man würde sie ihm zuteilen, inoffiziell stand das bereits fest. Ein wenig außer Atem – das Büro lag im vierten Stock und Professor Goth verachtete Fahrstühle – rieb er sich die Hände, registrierte die weißen Wände, das glänzende Parkett und die Fenster, durch die das Sonnenlicht einfiel. Die Fenster lagen nach Südwesten und reichten bis zum Boden, in Kniehöhe mit Eisengeländern gesichert. In seiner alten Professur mit den Nordfenstern sah Goth kaum je etwas anderes als graues Tageslicht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überall wucherte Grünzeug, wie beim Kollegen Erdmann nicht anders zu erwarten. Pflanzen waren seine Passion gewesen. Die zwei Treibhäuser auf dem Campus, in denen er Tomaten, Bohnen und Kohlrüben wechselweise mit Händel, Gorecki und Guns N’ Roses berieselt hatte, wurden nun von jemand anderem betreut. Professor Goth hatte keine Ahnung, wer Erdmanns Versuchsreihe fortsetzte, und es war ihm auch egal. Was ihm nicht egal war, das waren die Büroräume. Da seine eigene Forschung sich derzeit auf die DNA von Erbsen konzentrierte, hatte er nicht die Absicht, in einem Dschungel zu arbeiten. Mit mühsam verhohlener Gereiztheit zeigte er auf das Durcheinander von blühenden Orchideen, Bromelien und zwei Kübeln mit riesigen &lt;i&gt;ficus benjamini&lt;/i&gt;. »Das muss alles weg, ich kann so nicht denken, das nimmt mir die Luft!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir kümmern uns darum, Herr Professor!«, versicherte die Sekretärin. »Professor Erdmanns Frau wird alles in den nächsten Tagen abholen. Lassen Sie ihr doch ein bisschen Zeit!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich lag es Goth fern, die Witwe zur Eile anzutreiben. Es war auch nicht nötig: Noch vor Beginn des Wintersemesters waren Erdmanns Möbel ausgeräumt, die Zimmerflucht gründlich geputzt und gelüftet. Ein Trüppchen Studenten besorgte Goths Umzug. Inmitten eines jungfräulich weißen Büros erwarteten ihn sein alter Schreibtisch, die Regale mit Aktenordnern und das Schränkchen mit der Weinbrandflasche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sekretärin übernahm Goth gleich mit: Seine eigene war seit April in Mutterschaftsurlaub. Das hatte Goth seinerzeit in eine tiefe Krise gestürzt. So großartig war sie zwar nicht gewesen – eine pummelige, strubbelige, konsequent ineffektive Person –, aber allein die Vorstellung, eine Neue anzuwerben und einzuarbeiten, türmte sich vor ihm wie ein abstoßend grauer Berg zusätzlicher Arbeit. Erdmanns Sekretärin war ein wahres Goldstück, trotz ihres grün gestreiften Raspelhaarschnitts. In wenigen Wochen kannte sie sich in seinem Papierkram besser aus als er selbst, verstand aufs Beste Studenten abzuwimmeln und Goths Earl Grey erstklassig zuzubereiten. Wenn seine Alte überhaupt zurückkehrte, beschloss er, würde er ihr den Laufpass geben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goth richtete sich ein. Der Spätsommer war heiß und sonnig, Erdmanns Grünkram verschwunden und die Professur kahl. So ganz steril und weiß fand Professor Goth das auch wieder nicht gut. Das Sonnenlicht wurde von den weißen Wänden reflektiert und gleißte auf seinen Papieren und dem Computerbildschirm. Er ließ einen blauen Druck von Chagall aufhängen und suchte sich auf seine Erbsen zu konzentrieren. Die Helligkeit machte ihm weiter zu schaffen. Ein paar Mal zog er die Vorhänge zu, aber das kam ihm vor wie Flucht. Die Aussicht war doch so schön! Aus seinem alten Nordfenster hatte er nur kümmerliche Feuerdornsträucher gesehen. Hier öffnete sich der Blick auf uralte Kastanien, unter denen Wildkaninchen umhersprangen. Der einzige Schönheitsfehler war ein Komposthaufen unter einem seiner Fenster. Bei anhaltend trockenem Wetter roch er nach frischem Heu von dem Rasenschnitt, den die Hausmeister dort abluden. Nur wenn es richtig schwül war, begann der Haufen gemein zu riechen. Einfach gemein. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manchmal stand Professor Goth am Fenster, betrachtete den Komposthaufen und schnupperte. Der Geruch ließ ihn nicht los. Professor Erdmann hatte ihn sicher gemocht. Aber es war nicht dieses Fenster, aus dem er seinen tödlichen Sturz getan hatte, das wusste Professor Goth. Auf den Komposthaufen zu fallen, hätte ihn nicht umgebracht. Nein, er war aus einem Fenster im Vorzimmer gestürzt, als die Sekretärin gerade in der Mittagspause  weilte. Unter dem Fenster war Kopfsteinpflaster. Üblicherweise standen dort Müllcontainer, aber an diesem Tag hatte man sie zum Leeren weggeschafft. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts hatte den Sturz aufgehalten, Professor Erdmann war auf das erbarmungslos harte Pflaster geknallt und sofort tot gewesen. Und wie man hörte,  starb mit ihm auch seine Versuchsreihe, denn die Tomaten, Bohnen und Kohlrüben in den Gewächshäusern wollten seit seinem Tod nicht mehr so recht gedeihen, obwohl Erdmanns Studenten gewissenhaft weiter Händel, Gorecki und Guns N’ Roses im Wechsel applizierten. Diese Tatsache hatte etwas Befriedigendes. Ja, Professor Goth war durchaus zufrieden, dass diese Versuchsreihe nun im Sand verlief. Und schließlich hätte auch Erdmann sich darüber gefreut, dass sein Grünzeug ihn vermisste. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Vorzimmer der Professur wuchs ein wahres Ungetüm von einer Pflanze. Professor Goth, seiner sterilen weißen Wände müde, betrachtete es eines Tages mit begehrlichen Augen und fragte die Sekretärin: »Was ist das eigentlich für ein Gewächs?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das hat schon immer hier gestanden«, war die Antwort. »Professor Erdmann hat sich darum gekümmert.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und wie heißt es?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Professor Erdmann nannte es Monstera. Die deutsche Bezeichnung kenne ich leider nicht.« Sie holte aus einer Schublade einen Zimmerpflanzenführer und schlug nach. »Ja, da haben wir es: &lt;i&gt;Monstera deliciosa&lt;/i&gt;.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das köstliche Ungeheuer«, übersetzte Professor Goth lehrerhaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte große Lust, der Sekretärin die Pflanze abzuschwatzen, ließ es dann aber doch bleiben. Die grün gestreifte Dame schien die Monstera als Erdmanns geheiligtes Vermächtnis zu betrachten und betreute sie mit stiller Effizienz. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goth sah das mit Missvergnügen. Die Professur hatte er sich gewünscht und bekommen, die Sekretärin hatte er gewünscht und bekommen ... warum bekam er nicht auch die Pflanze, die er sich wünschte? &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Monstera trauerte um Erdmann. Ende September stellte die Sekretärin fest, dass alle Blätter fahlgelbe Flecken aufwiesen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Irgendwas stimmt da nicht!«, klagte sie und hantierte mit Düngemittel und Pilzspray. »Ich hab keine Ahnung, was das sein kann, so was hab ich noch nie gesehen!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie mittags zu Tisch ging, schlich der Professor ins Vorzimmer und zählte die Blätter des Ungeheuers durch: Es waren nicht weniger als hundertachtundsiebzig Stück, und alle wiesen exakt das gleiche deutlich ausgebildete Fleckenmuster auf, als habe die Pflanze sich entschlossen, über Nacht einen komplett neuen Look anzunehmen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Professor Goth riss ein Blatt ab, nahm es mit in sein Arbeitszimmer und versenkte sich in die Betrachtung der Flecken. Ihm war, als wolle das Blatt ihm etwas mitteilen, aber die Kraft reichte nicht – seine eigene oder die des Blattes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wurde gestört durch den Besuch zweier Studenten, die ihn etwas fragen wollten. Ihre breiten Schultern und muskulösen Arme – die beiden sahen aus wie die Brüder Klitschko – brachten Goth auf eine Idee. Er wies sie an, das Ungeheuer aus dem Vorzimmer in sein eigenes hinüberzutragen. Dort, neben dem Fenster mit dem Komposthaufen, war ein guter Platz. »Dir werd ich die Flausen schon austreiben«, murmelte er vor sich hin und merkte kaum, dass die beiden Studenten im Hinausgehen vielsagende Blicke wechselten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schloss sein Büro ab und holte sich zwei belegte Brötchen aus einem nahe  gelegenen Feinkostgeschäft. Neben der Kasse stand ein großer Korb mit Äpfeln. Jeder Apfel hatte auf seiner roten Schale ein kleines gelbes Herz.&lt;br /&gt;
Er nahm einen heraus und rieb ihn an seinem Jackett blank. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Faszinierend, nicht wahr?«, bemerkte die Kassiererin. »Wissen Sie, die Apfelbauern kleben so kleine Papierherzchen auf die Äpfel, dann werden sie an dieser Stelle nicht rot, sondern bleiben hell.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist mir klar, junge Frau«, gab der Professor zurück. »Wer sollte das besser wissen als ich. Ich bin Biologe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie erblühte rot. Unwillkürlich erwartete der Professor auf ihren Wangen gelbe Herzchen erscheinen zu sehen, aber natürlich geschah nichts dergleichen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Nachmittag schnitt er von dem Ungeheuer zwei weitere gefleckte Blätter ab und begab sich ins Labor. Wie er gehofft hatte, war es leer; das schöne Spätsommerwetter hatte seine Doktoranden frühzeitig in den Feierabend getrieben. Professor Goth  zündete einen Brenner an, stellte einen Dreifuß darüber und setzte ein Messglas mit Spiritus auf. Binnen kurzem begann der Spiritus zu sieden. Obwohl der Abzug auf vollen Touren lief, drang ein stechender Geruch heraus. Der Professor legte die  Blätter in das Glas und sah zu, wie das Ganze kochte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach zehn Minuten waren die Blätter fahlgelb. Goth holte sie mit einer Pinzette aus dem Glas und spülte sie unter fließendem Wasser gründlich ab. »Nun wollen wir doch mal sehen ...«, murmelte er. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie ging es weiter? »Stärkenachweis ... Kaliumiodid ...« Richtig: Iod-Kaliumiodidlösung. In einem gut sortierten Labor natürlich vorhanden. Er holte die braune Flasche aus dem Schrank, ließ die Flüssigkeit in ein neues Glas blubbern und legte die Blätter hinein. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stirnrunzelnd beobachtete er die Vorgänge im Glas, wie ein Fotograf in der Dunkelkammer sein Entwicklerbad.&lt;br /&gt;
Und tatsächlich tat sich etwas ... die Blätter wurden erneut fleckig. Nur mit umgekehrten Vorzeichen. Da, wo sie vorher dunkel gewesen waren, wurden sie nun hell. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Da soll aber doch ...!«, entfuhr es dem Professor. Nun, da sich das Negativ zum Positiv gewandelt hatte, erkannte er deutlich das Bild in dem Fleckenmuster. Es war ein Porträt seines eigenen Gesichts. Immer deutlicher bildete es sich aus, so gestochen scharf, dass sogar ein Ausdruck zu erkennen war: verzerrt von Wut oder einer gewaltigen Kraftanstrengung. Oder beidem. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Eile räumte der Professor seine Gerätschaften weg, beseitigte alle Spuren und schloss das Labor ab. Das durfte nicht sein, da war Hexerei am Werk. Die Pflanze hatte ihn fotografiert!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, er erinnerte sich genau, wie er immer wieder Erdmanns Revier mit begehrlichen Blicken betrachtet hatte. Die großen, hellen Räume und die stille, tüchtige, effiziente Sekretärin. Erst recht nachdem seine eigene Sekretärin, diese unfähige, pummelige, strubbelige Person, angekündigt hatte, in Mutterschaftsurlaub zu wollen, als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Er erinnerte sich auch an ein Gespräch mit Professor Erdmann irgendwann im Sommersemester, eine wenig kollegiale Diskussion über Studenten, die ihre Zeit in Erdmanns Gewächshäusern verplemperten. Im Vorzimmer der Professur war das gewesen. Erdmann, obwohl schon beinahe siebzig, hatte angekündigt, noch mindestens zwei Jahre weiterzumachen. Da stand er, klein und grauhaarig, und beharrte auf seinem Recht, noch zwei Jahre die Professur zu blockieren, die Sekretärin, die Forschungsgelder für seine musikalischen Experimente und die Arbeitskraft der Studenten. Noch &lt;i&gt;mindestens&lt;/i&gt; zwei Jahre. Und Goths Forschungen mit der Erbsen-DNA hatte er als »Beitrag zum gentechnologischen Terror« bezeichnet. Das Fenster stand einladend offen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Ungeheuer daneben sah zu. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zurück ins Büro. Die Sekretärin war auf einem Dienstgang. Das fleckige Ungeheuer machte sich in Goths Zimmer breit und schrie sein Wissen in die Welt hinaus. Professor Goth stürzte sich auf den Pflanzkübel und zerrte ihn zum Fenster. Die schmiedeeiserne Brüstung reichte bis zu seinen Knien. Mit aller Kraft hievte er den Kübel hoch. Das war doch gelacht – er hatte Erdmann gestemmt, nun würde er doch wohl auch das Ungeheuer stemmen können. Schwer atmend stützte er den Kübel auf das Geländer. Die braunen Luftwurzeln wedelten um sein verschwitztes Gesicht herum, als suchten sie Halt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hasta la vista, Baby!«, stieß Goth hervor und wuchtete den Kübel über die Kante. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie müssen zugeben, das ist wirklich ein eigenartiges Zusammentreffen, zwei tödliche Stürze in Folge«, stellte der Kommissar fest und zupfte sich ein paar grüne und braune Blatt- und Wurzelfetzen von seinem blauen Hawaiihemd.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Dekan der Universität, silberhaarig und in vornehmes Anthrazit gekleidet, schwitzte aus allen Poren. »Ich kann mir das auch nicht erklären ... die Geländer sind streng nach Bauvorschrift angebracht!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorsichtig lehnte der Kommissar sich hinaus. »Genau genommen drei Tote, wie es aussieht«, murmelte er in sich hinein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie meinen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich meine die Pflanze.« Das Pflaster unterhalb des Fensters war mit einer Blutlache bedeckt. Rundherum war alles übersät mit Scherben eines Pflanzkübels, zerfetzten Blättern und Erdbrocken. »Ein Philodendron, nicht wahr?«, bemerkte der Kommissar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sekretärin widersprach nicht. Immer noch schwach in den Knien, lehnte sie in Goths Schreibtischstuhl – sie hatte die Leiche gefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Anscheinend«, stellte der Kommissar fest, »wollte der Professor das Gewächs durch das Fenster befördern. Und dabei haben sich wohl die Dinger hier im Geländer verfangen, oder?« Um die Eisenstangen hingen abgerissene Luftwurzeln. »Dadurch verlor er das Gleichgewicht und ging mit über Bord.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Dekan lockerte seinen Schlips. »Wissen Sie, Herr Kommissar, eigentlich hätte da gar nichts passieren dürfen, normalerweise ist unter dem Fenster der Lagerplatz für unseren Rasenschnitt. Aber gerade heute ist alles weggeschafft – es wurde zu viel, verstehen Sie, die Hausmeister haben es in Säcke gefüllt und zur Biomülldeponie gefahren. Tragisch, wirklich tragisch. Wäre das hier gestern passiert, der Kollege Goth wäre weich gefallen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tja. Tragisch.« Der Kommissar wickelte die braunen Stränge vom Geländer ab und rollte sie sich um die Finger. »Ist schon verrückt, es sieht beinahe aus, als hätte die Pflanze versucht, sich festzuhalten, was? Wer weiß schon, was so ein Riesengewächs fertig bringt, wenn es um Leben und Tod geht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sekretärin hatte sich aus dem Bürostuhl aufgerafft und trat neben ihn. Mit deprimierter Miene schaute sie aus dem Fenster auf das Pflaster, auf dem Goths übel zugerichtete Leiche gelegen hatte. »Professor Erdmann hätte sich gefreut, wenn er Sie gehört hätte, Herr Kommissar«, lächelte sie unter Tränen. »Er sagte immer, Pflanzen bringen weit mehr fertig, als wir ahnen.«</description>
    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Goth und das Ungeheuer</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2007-04-06T20:50:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://annarinnschad.twoday.net/stories/3337274/">
    <title>Das Kaninchen ist nicht viel größer als eine Männerfaust. Sein weißes Fell ist an...</title>
    <link>http://annarinnschad.twoday.net/stories/3337274/</link>
    <description>Das Kaninchen ist nicht viel größer als eine Männerfaust. Sein weißes Fell ist an den Ohren dunkel gefleckt. Die Mitarbeiterin des Tierheims kennt es erst seit wenigen Wochen und weiß nicht genau, wo es herkommt. Doch kann sie versichern, dass das Tier gesund ist und alle notwendigen Impfungen bekommen hat. Mit vielen guten Wünschen übergibt sie es den neuen Besitzern: zwei Mädchen, die von ihrer Mutter begleitet werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Tierheim hat das Kaninchen geschwiegen und sich darauf beschränkt, hinter dem Maschendraht Klee zu mümmeln. In seinem neuen Zuhause redet es ununterbrochen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kleine Schwester bemerkt es als erste. Bevor das Kaninchen ins Haus kam, hat sie sich kundig gemacht und ein Buch über artgerechte Haltung gelesen. Aus diesem Buch weiß sie, dass Kaninchen stumme Tiere sind. Nur wenn sie gereizt werden, fauchen oder grunzen sie. Vielleicht können sie auch schreien, aber das tun sie sicher nur in Todesnot. &lt;br /&gt;
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Das neue Kaninchen mit den gefleckten Ohren schert sich nicht um dieses Verdikt. Wenn die kleine Schwester es im Arm hält, etwa bei den Schulaufgaben oder beim Fernsehen, spricht das Kaninchen leise vor sich hin. Dabei steckt es seinen Kopf in die Armbeuge des Mädchens, als wolle es gar nicht gehört werden. Das Mädchen schaltet den Fernseher aus und lauscht: Ja, das Kaninchen murmelt und knirscht und seufzt in leisen Lauten wie ein Mensch, der sich selbst eine Geschichte erzählt. Die kleine Schwester wagt den einen oder anderen Zwischenruf, aber das Kaninchen geht auf nichts ein. Es schwatzt unaufhörlich weiter wie ein Politiker bei einer Podiumsrede, aber leise, ganz leise.&lt;br /&gt;
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Das Mädchen holt die große Schwester herbei und auch die Mutter, damit sie sich das seltsame Phänomen zu Gemüte führen, aber die finden es gar nicht weiter merkwürdig. Sie hören auch nicht richtig zu. Sie wollen sich nicht einlassen auf den unaufhörlichen Redestrom über Krokusse und Möhrengrün, Regengüsse und Frost, Unheil und Vernichtung. Das Kaninchen erhebt die Stimme nicht. Mit gleichmäßigem Murmeln, als rede es nur für sich selbst, erzählt es seine Geschichte. Darin kommen Lichtblitze vor aus grellen Scheinwerfern und zu Schlingen gebogene Drähte, unterirdische Gänge, Mondschein und Rübenkraut, Hunde und  Gittertüren. Pusteblumen und im Morgengrauen aufjaulende Bagger, die Erdhügel niederreißen; manchmal auch Spritzen und blutende Wunden an den Ohren, und immer wieder der Mond, der volle gelbe Mond. Alles geht kunterbunt durcheinander und nimmt nie ein Ende. Die kleine Schwester versucht sich eine Meinung dazu zu bilden, aber sie begreift es nicht. &lt;br /&gt;
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Nachts träumt sie manchmal von dem geschwätzigen Kaninchen, wie es eine weiße Straße entlang hoppelt und dabei etwas hinter sich herzieht wie eine Luftschlange: eine dürre Wortgirlande, die sich in die Büsche und Baumstämme am Straßenrand verheddert und immer länger wird. Die Girlande stört das Kaninchen nicht, es schleppt sie einfach nach. Erdklumpen hängen darin und von Raupen zerfressene Salatblätter, Petersilie und Katzenstreu. Die Schwatzgirlande des Kaninchens schlingt sich um die Füße der kleinen Schwester und bringt sie zum Stolpern. Vergeblich sucht sie zu folgen. &lt;br /&gt;
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Trotzdem hört die kleine Schwester weiter zu, Tag für Tag. Was das Kaninchen  erzählt, ist ihr fremd, aber nun will sie alles hören. Bis die Girlande sich vollends entrollt und das Kaninchen ihr über Gewehrschüsse erzählt und Stacheldraht, über Gaswolken, die in den Augen brennen, über fremde stechende Gerüche und leckende Feuerzungen und immer wieder über den Mond, den vollen gelben Mond. &lt;br /&gt;
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Dann hat das Kaninchen sein Garn zu Ende gesponnen und verstummt für immer. Manchmal faucht es noch, wenn es gereizt wird. Vielleicht kann es auch schreien. Aber das wird es erst sehr viel später tun, wenn überhaupt. &lt;br /&gt;
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    <dc:creator>schmollfisch</dc:creator>
    <dc:subject>Was das Kaninchen erzählt</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 schmollfisch</dc:rights>
    <dc:date>2007-02-18T23:22:00Z</dc:date>
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