...
Grambach kniete auf dem Speicherboden und nahm zum zwanzigsten Male die Strickmaschine in Angriff.
Die Strickmaschine bestand aus zwei parallelen Metallschienen, die »Betten« genannt wurden, zusammen bildeten sie ein Doppelbett. Nebeneinander lagen über hundert dünne Drahtnadeln in jedem Bett, in Reih und Glied ausgerichtet.
An der Seite saß ein Schieber mit handlichem Griff und umspannte beide Betten. Hier wollte die Strickmaschine angefasst werden. Das erkannte selbst ein Laie wie Grambach. Der Schieber mit Griff wirkte so auffordernd wie der Zipper an einem Reißverschluss. Ein paar Zentimeter ließ er sich auch leicht an dem Doppelbett entlangziehen, doch dann verklemmte sich etwas im Inneren. Der Widerstand war fadendünn, aber eigensinnig – vielleicht eine Nadel, die sich dem Zugriff des Schiebers sperrte.
In dem grauen Plastikkoffer war jede Menge Zubehör. Grambach befingerte Haken, Kämme, Gewichte und Ersatznadeln. Auch ein gedrucktes Spiralheft mit Anweisungen war dabei. Von Schloss und Fadenführer war da die Rede, von Nadelrückholer, Hauptschlitten und Zusatzschlitten, Verlängerungsschienen, Abstreifern und Anschlagkämmen … »Das ist mir zu hoch«, murmelte Grambach und wie ein Echo in seinem Kopf hörte er Marthas Stimme: »Ich kann das nicht, ich krieg das nie hin.«
Die Strickmaschine hatte er als Geschenk für sie gekauft. Marthas Dank war nur lauwarm gewesen. Danach hatte sie Tage lang mit zerrauftem Haar über der Betriebsanleitung gesessen, umgeben von abgerissenen Wollfäden, die die Maschine zu hoffnungslosem Gehedder versponnen hatte. Ich kann das nicht, ich krieg das nie hin.
Am Abend hatte sie wie immer auf dem Wohnzimmersofa gesessen, blaue und graue Wollknäuel im Schoß. Ihre Finger arbeiteten schnell und präzise. Grambach blätterte in der Fernsehzeitung. Am Rand seines Blickfelds nahm er eine Bewegung wahr, ein beständiges, gleichförmiges Zucken. Das waren Marthas Hände, die Maschen abstrickten, eine nach der anderen; Hunderte, Tausende. Der Anblick – wenn man es so nennen konnte, denn er sah nicht richtig hin –, die zuckende Bewegung an seiner Seite war ihm seit Jahren vertraut. Es war ihm, als läse er Zeitung neben einem Hamster, der in seinem Laufrad rennt.
Er fragte: »Warum strickst du nicht auf der Maschine, die ich dir gekauft habe?«
Es war gut gemeint gewesen. Sie sollte nicht so schuften, während er fernsah. Doch Martha warf das Strickzeug hin und knallte die Tür hinter sich zu.
Am Tag darauf hatte sie wieder mit der Betriebsanleitung gekämpft, mit dem Kundendienst telefoniert und unzählige Wollknäuel verfitzt. Manchmal war ihre Bettseite eine halbe Nacht lang kalt geblieben. Die Strickmaschine grinste mit spitzen Zähnen aus ihrem eigenen Doppelbett. Morgens putzte Martha mit einem Microfaser-Staubpinsel darüber, ölte behutsam mit Spezial-Strickmaschinenöl und sprühte Gleitspray auf die Betten. Zuweilen gab die Maschine dann ein Probeläppchen von ein paar Zentimetern Breite her. Zaghaft wuchs es unter dem Doppelbett heraus wie ein junger Pflanzentrieb, und Martha arbeitete hoffnungsvoll weiter, bis die Maschine das Gestrick unvermittelt verstieß und von den Nadeln warf. Eingerollt wie ein welkes Blatt landete es auf dem Boden.
Die Handstrickarbeit im Wohnzimmer setzte Staub an; Martha nahm sie immer seltener zur Hand. Die Strickmaschine grinste. Nach zwei Monaten wurde sie auf den Speicher verbannt. Martha holte noch einmal ihren angefangenen Pullover aus dem Wollkorb und legte ihn wieder weg. Sie schien nicht weiterarbeiten zu wollen, obwohl sich schon ein stattliches Rumpfstück entfaltete, wenn Grambach versuchsweise das Nadelspiel hob.
Wenig später war Martha ausgezogen. Sie hatte weder die Strickmaschine mitgenommen noch den Pullover im Korb oder die Resteknäuel von früheren Handstrickarbeiten, die in zwei großen Kartons in ihrem Bügelzimmer lagerten. Sogar die Stricknadeln und die Nadellehre, von der sie sich sonst nie trennte, blieben in der Schublade.
Auf dem Speicher grinste die Strickmaschine. Grambach stieg hin und wieder zu ihr hinauf. Manchmal versuchte er, den Schieber über das Doppelbett zu ziehen, aber er klemmte fest. Wahrscheinlich hatte die Maschine von Marthas schülerhaften Strickversuchen genug und wollte nun überhaupt nicht mehr belästigt werden. Im Innern des Schiebers sperrte sich etwas gegen den Zugriff, fadendünn nur, aber eigensinnig federnd – sicher eine Nadel, die nicht brav im Bett liegen wollte wie ihre Nachbarnadeln. Grambach beklopfte die Maschine wie ein störrisches Pferd und wischte Staub aus den Zahnreihen.
Im Scheidungsprozess wurde die Strickmaschine Grambachs Vermögen zugerechnet und mit einem Wert von 2.500 Euro veranschlagt. Grambach wehrte sich nicht; schrieb Martha nicht einmal, sie könne das Gerät abholen. Am Tag nach Ausspruch der Scheidung stieg er auf den Speicher und besah sich das vielnadlige Grinsen der Maschine. Der Fadenhalter wölbte sich über dem Doppelbett wie ein Galgen aus Draht. Von Marthas vergeblichen Versuchen, mit der Maschine zurechtzukommen, hing noch ein roter Wollfaden in der Drahtschlinge.
Grambach wickelte das Fadenende um den ersten Grinsezahn und packte den Griff. Langsam rutschte der Schieber an dem Doppelbett entlang. Der dünne Widerstand in seinem Inneren gab nach und verbog sich mit spitzem Aufschrei. Unter dem Zubiss des Schiebers kräuselten sich die feinen Nadeln und erschienen, aus dem weiterrutschenden Schieber entlassen, wie geknickte Getreidehalme. Grambach stieß den Griff mit aller Kraft weiter bis ans Ende des Doppelbetts und wieder zurück. Ein Finger breit dunkelroten Gestricks bildete sich, zerlöchert, mit lose heraushängenden Fäden. Grambach zog den Schieber hin und her, vor Anstrengung keuchend. Die Maschine kreischte und unter dem Doppelbett wuchs ein Streifen roten Geschlinges heraus und kräuselte sich über den Speicherboden.
Die Strickmaschine bestand aus zwei parallelen Metallschienen, die »Betten« genannt wurden, zusammen bildeten sie ein Doppelbett. Nebeneinander lagen über hundert dünne Drahtnadeln in jedem Bett, in Reih und Glied ausgerichtet.
An der Seite saß ein Schieber mit handlichem Griff und umspannte beide Betten. Hier wollte die Strickmaschine angefasst werden. Das erkannte selbst ein Laie wie Grambach. Der Schieber mit Griff wirkte so auffordernd wie der Zipper an einem Reißverschluss. Ein paar Zentimeter ließ er sich auch leicht an dem Doppelbett entlangziehen, doch dann verklemmte sich etwas im Inneren. Der Widerstand war fadendünn, aber eigensinnig – vielleicht eine Nadel, die sich dem Zugriff des Schiebers sperrte.
In dem grauen Plastikkoffer war jede Menge Zubehör. Grambach befingerte Haken, Kämme, Gewichte und Ersatznadeln. Auch ein gedrucktes Spiralheft mit Anweisungen war dabei. Von Schloss und Fadenführer war da die Rede, von Nadelrückholer, Hauptschlitten und Zusatzschlitten, Verlängerungsschienen, Abstreifern und Anschlagkämmen … »Das ist mir zu hoch«, murmelte Grambach und wie ein Echo in seinem Kopf hörte er Marthas Stimme: »Ich kann das nicht, ich krieg das nie hin.«
Die Strickmaschine hatte er als Geschenk für sie gekauft. Marthas Dank war nur lauwarm gewesen. Danach hatte sie Tage lang mit zerrauftem Haar über der Betriebsanleitung gesessen, umgeben von abgerissenen Wollfäden, die die Maschine zu hoffnungslosem Gehedder versponnen hatte. Ich kann das nicht, ich krieg das nie hin.
Am Abend hatte sie wie immer auf dem Wohnzimmersofa gesessen, blaue und graue Wollknäuel im Schoß. Ihre Finger arbeiteten schnell und präzise. Grambach blätterte in der Fernsehzeitung. Am Rand seines Blickfelds nahm er eine Bewegung wahr, ein beständiges, gleichförmiges Zucken. Das waren Marthas Hände, die Maschen abstrickten, eine nach der anderen; Hunderte, Tausende. Der Anblick – wenn man es so nennen konnte, denn er sah nicht richtig hin –, die zuckende Bewegung an seiner Seite war ihm seit Jahren vertraut. Es war ihm, als läse er Zeitung neben einem Hamster, der in seinem Laufrad rennt.
Er fragte: »Warum strickst du nicht auf der Maschine, die ich dir gekauft habe?«
Es war gut gemeint gewesen. Sie sollte nicht so schuften, während er fernsah. Doch Martha warf das Strickzeug hin und knallte die Tür hinter sich zu.
Am Tag darauf hatte sie wieder mit der Betriebsanleitung gekämpft, mit dem Kundendienst telefoniert und unzählige Wollknäuel verfitzt. Manchmal war ihre Bettseite eine halbe Nacht lang kalt geblieben. Die Strickmaschine grinste mit spitzen Zähnen aus ihrem eigenen Doppelbett. Morgens putzte Martha mit einem Microfaser-Staubpinsel darüber, ölte behutsam mit Spezial-Strickmaschinenöl und sprühte Gleitspray auf die Betten. Zuweilen gab die Maschine dann ein Probeläppchen von ein paar Zentimetern Breite her. Zaghaft wuchs es unter dem Doppelbett heraus wie ein junger Pflanzentrieb, und Martha arbeitete hoffnungsvoll weiter, bis die Maschine das Gestrick unvermittelt verstieß und von den Nadeln warf. Eingerollt wie ein welkes Blatt landete es auf dem Boden.
Die Handstrickarbeit im Wohnzimmer setzte Staub an; Martha nahm sie immer seltener zur Hand. Die Strickmaschine grinste. Nach zwei Monaten wurde sie auf den Speicher verbannt. Martha holte noch einmal ihren angefangenen Pullover aus dem Wollkorb und legte ihn wieder weg. Sie schien nicht weiterarbeiten zu wollen, obwohl sich schon ein stattliches Rumpfstück entfaltete, wenn Grambach versuchsweise das Nadelspiel hob.
Wenig später war Martha ausgezogen. Sie hatte weder die Strickmaschine mitgenommen noch den Pullover im Korb oder die Resteknäuel von früheren Handstrickarbeiten, die in zwei großen Kartons in ihrem Bügelzimmer lagerten. Sogar die Stricknadeln und die Nadellehre, von der sie sich sonst nie trennte, blieben in der Schublade.
Auf dem Speicher grinste die Strickmaschine. Grambach stieg hin und wieder zu ihr hinauf. Manchmal versuchte er, den Schieber über das Doppelbett zu ziehen, aber er klemmte fest. Wahrscheinlich hatte die Maschine von Marthas schülerhaften Strickversuchen genug und wollte nun überhaupt nicht mehr belästigt werden. Im Innern des Schiebers sperrte sich etwas gegen den Zugriff, fadendünn nur, aber eigensinnig federnd – sicher eine Nadel, die nicht brav im Bett liegen wollte wie ihre Nachbarnadeln. Grambach beklopfte die Maschine wie ein störrisches Pferd und wischte Staub aus den Zahnreihen.
Im Scheidungsprozess wurde die Strickmaschine Grambachs Vermögen zugerechnet und mit einem Wert von 2.500 Euro veranschlagt. Grambach wehrte sich nicht; schrieb Martha nicht einmal, sie könne das Gerät abholen. Am Tag nach Ausspruch der Scheidung stieg er auf den Speicher und besah sich das vielnadlige Grinsen der Maschine. Der Fadenhalter wölbte sich über dem Doppelbett wie ein Galgen aus Draht. Von Marthas vergeblichen Versuchen, mit der Maschine zurechtzukommen, hing noch ein roter Wollfaden in der Drahtschlinge.
Grambach wickelte das Fadenende um den ersten Grinsezahn und packte den Griff. Langsam rutschte der Schieber an dem Doppelbett entlang. Der dünne Widerstand in seinem Inneren gab nach und verbog sich mit spitzem Aufschrei. Unter dem Zubiss des Schiebers kräuselten sich die feinen Nadeln und erschienen, aus dem weiterrutschenden Schieber entlassen, wie geknickte Getreidehalme. Grambach stieß den Griff mit aller Kraft weiter bis ans Ende des Doppelbetts und wieder zurück. Ein Finger breit dunkelroten Gestricks bildete sich, zerlöchert, mit lose heraushängenden Fäden. Grambach zog den Schieber hin und her, vor Anstrengung keuchend. Die Maschine kreischte und unter dem Doppelbett wuchs ein Streifen roten Geschlinges heraus und kräuselte sich über den Speicherboden.
schmollfisch - 6. Mrz, 12:02