[>>]

Wände (Leseprobe)

...

Frau Professor Dr. Nike (eigentlich Berenike) Bechstein residierte in einem Arbeitszimmer, das keinerlei persönliche Note besaß. Es gab weder Familienfotos auf dem Schreibtisch noch Blumentöpfe auf dem Fensterbrett. Selbst die Unordnung, das übliche Gelehrtenchaos von Papieren und Büchern auf Möbeln und Fußboden, wirkte wie für eine Filmaufnahme arrangiert. Dorothea hätte sich nicht gewundert, wenn die Buchrücken in den Regalen sich bei näherem Hinsehen als Pappwände erwiesen hätten, wie die Attrappen in einem Möbelladen. »Herein«, rief die Professorin mit heller Stimme, als Dorothea schon eingetreten war und im Zimmer stand.

»Guten Tag«, begann sie unsicher. »Ich bin Dorothea Tragus. Ich hatte Sie angerufen ... Sie wissen doch, vom ethologischen Institut ...« Ihre Stimme verlor sich, da die Professorin sie verständnislos anstarrte. »Wie bitte?«

»Vom ethologischen Institut«, wiederholte Dorothea. »Wegen der Digitalisierung von Tonaufnahmen. Ich habe gestern angerufen.«

»Angerufen?« Die Professorin bückte sich, hob eine abgewetzte schwarze Kladde vom Fußboden auf den Schreibtisch und blätterte in eselsohrigen Seiten, die mit Bleistiftnotizen bedeckt waren. »Das müsste ich mir doch aufgeschrieben haben ...« Mit ihrem dünnen Zeigefinger fuhr sie eine Seite hinunter. »Richtig, da haben wir’s doch.« Sie blickte auf. »Dorothea Tragus?«

Dorothea nickte. Groß und linkisch stand sie vor der zierlichen Professorin, die in dem schweren Schreibtischsessel mit hoher Rückenlehne hockte wie ein Vogel im Loch seines Nistkastens.

»Setzen Sie sich.« Die Professorin kratzte mit dem dicken Ende des Bleistifts ihr kurzes hellgraues Haar. »Was kann ich also für Sie tun?«

»Ich arbeite über Tiersprachen. Am ethologischen Institut. Wir untersuchen die Methoden der Kommunikation durch Lautäußerung im Tierreich«, erklärte Dorothea und ließ sich unbeholfen auf der Kante eines Sessels nieder. »Hauptsächlich am Beispiel der Meeressäuger ... verstehen Sie?«

»Walgesänge?«

»Nnnnnein ... vielleicht beziehe ich das noch ein, aber einstweilen muss ich mich auf Tiere beschränken, die ich hier in Europa beobachten kann. Ich dachte an die Adria-Delfine. In diesem Sommer fahre ich für ein paar Monate nach Kroatien. Ich habe ein Förderstipendium dafür bekommen. Ich habe gehört«, fuhr Dorothea mutiger fort, »dass Sie ein Computerprogramm entwickeln, das Tierlaute im Ultraschallbereich in Bilder umwandelt ... kann man das so sagen?«

»Nicht ganz.« Aus ein paar Metern Entfernung wirkte die Professorin beinahe wie ein Kind, doch beim näheren Hinsehen war zu erkennen, dass ihre zarte Haut zerknittert war und sich um die Augen strahlenförmig zu Lachfältchen furchte. Sie trug keinerlei Make-up, und ihr Haar war weder gefönt noch gekämmt, sondern auf gut Glück zurecht gestrichen und umschloss den kleinen Kopf wie ein silbergrauer Pelz. »Ich untersuche Ortungsrufe im Ultraschallbereich. Mir geht es dabei nicht um Kommunikation, sondern um die Orientierung des einzelnen Tiers. Um das Raumbild, das sich ein Einzeltier mit Hilfe der Ortungsrufe erstellt. Die Gesangslandkarte.«

»Sie arbeiten mit Fledermäusen, nicht wahr?«

»Nun ja«, die Professorin lächelte, »mit Fledermäusen, so würde ich das nicht nennen. Ich werte nur die Tonaufnahmen aus. Dazu brauche ich die Tiere nicht zu sehen.«

»Sie machen die Aufnahmen nicht selbst?«

»Aber keineswegs.« Für einen kurzen Augenblick verzerrte sich das schmale, kluge Gesicht zu einer Grimasse der Angst und des Ekels. »Ich schleiche nicht mit Taschenlampen in Höhlen herum. Das überlasse ich meinen Hiwis. Womit kann ich Ihnen denn nun helfen, Frau Tragus?«

Dorothea lachte verlegen. »Ich wollte eigentlich nur wissen, wie Sie Ihre Tonaufnahmen von Fledermausrufen filtern.«

»Das mache ich auch nicht selbst. Ich kenne ein sehr leistungsfähiges Tonstudio, dort schicke ich alle meine Aufnahmen hin.«

»Wäre es wohl möglich ... würden Sie mir die Adresse geben?«

Die Professorin blinzelte Dorothea irritiert an. »Nein, selbstverständlich nicht! Das bleibt mein Betriebsgeheimnis. Ich bin heilfroh, dass ich dort jemanden gefunden habe, der sich um meine Aufnahmen kümmert. Wenn nun nächste Woche alle meine Kollegen hinrennen mit ihren eigenen Aufnahmen ... Hundegebell und Katzenschnurren, Wiehern und Gackern ... Gott bewahre!«

»Es bleibt unter uns, ich sage es niemandem weiter. Bitte! Ich habe meine Delfinstimmen schon ins Hausstudio gegeben, aber das Ergebnis war einfach nicht gut genug. Zu viele störende Nebengeräusche. Das ist bei Unterwasseraufnahmen immer problematisch. Der Schall trägt zu sehr im Wasser ...«

Die Professorin legte den Bleistift weg und die Fingerspitzen gegeneinander. »Bringen Sie mir in Gottes Namen die Aufnahmen. Ich gebe sie weiter. In ein, zwei Wochen können Sie hier die CDs abholen.«

»Das ist furchtbar nett.« Dorothea faltete ihre langen Beine aus dem Sessel und stand auf. Auch die Professorin erhob sich. Im Stehen reichte sie Dorothea gerade bis zur Schulter. Sie trug eine Hemdbluse aus einem dünnen grauen Stoff, der ihre schmale Figur lose umflatterte. »Ich würde Ihre Arbeit gern einmal sehen. Vielleicht gibt es ein paar Parallelen?«

»Es wäre mir eine Freude«, sagte Dorothea geschmeichelt. »Aber ich beschäftige mich nicht mit Ortungsrufen. Nur mit Kommunikation.«

»Aber Wale scannen ihre Umgebung auch, soweit ich weiß. Stellen Sie sich vor, man könnte das Prinzip nachahmen, nach dem die Tiere ein Lautbild in ein dreidimensionales Bild umdenken, wäre das nicht phantastisch? Man könnte gehörte Landschaften in sichtbare wandeln.«

»Und das ist das Ziel Ihres Programms?«

»Unter anderem, ja. Ich nehme allerdings an, Delfinstimmen brauchen ein anderes Programm als Fledermausstimmen.« Die Professorin lächelte. »Aber das Prinzip ist sicher das gleiche. Wir können uns gern einmal zusammensetzen, sobald Sie erste Ergebnisse haben.« Sie streckte Dorothea die Rechte hin. Ihre Hand war überraschend groß für eine so kleine Person, die Finger schmal und knochig. »Grüßen Sie die Delfine.«

»Danke ... und grüßen Sie die Fledermäuse.«

Die Hand versteifte sich, wurde heiß. Wieder ging ein Zucken über ihr Gesicht. »Also, auf Wiedersehen.«